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Unternehmens-Erhalt im Fokus

Die Zahl der Insolvenzen in Deutschland ist deutlich rückläufig: Als direkte Folge wird sich auch der Markt der bislang 1700 Insolvenzverwalter konsolidieren.

„Den Pleit­eköni­gen dro­hen harte Zeit­en“, for­muliert die Wirtschafts­woche wenig galant. Analysiert wird die weit­er­hin rück­läu­fige Zahl der In­sol­venzen in Deutsch­land und die sich da­durch verän­dernde Aus­gangs­lage für die In­sol­ven­zver­wal­ter der Re­pub­lik: Bun­desweit tätige Wirtschaft­skan­zleien, die Stars der Branche, kön­nen Ver­fahren dazugewin­nen, beim Gros der Gilde herrscht in­des Kurzar­beit. Als Folge ste­ht für die Wirtschafts­woche fest: „Der Ver­wal­ter­markt ist drastisch überbe­set­zt, eine Kon­so­li­dierung über­fäl­lig. Fegte der Pleitesch­wund bis­lang nur un­bekan­nte Prov­inzse­quester und Teilzeitver­wal­ter aus dem Markt, er­wischt es in­zwischen selbst die Stars der Branche“. Deut­lich unaufgeregter bestätigt Dr. Chris­toph Nier­ing die En­twick­lung. „Als di­rekte Folge der zurück­ge­hen­den In­sol­venz­zahlen wird sich auch der Markt der Ver­wal­ter kon­so­li­dieren. Viele Ver­wal­ter, die ihre Tätigkeit nur als eines von vielen Stand­bei­nen führen oder al­tersbe­d­ingt aus dem Markt aus­treten wollen, haben die Si­t­u­a­tion der let­zten Jahre genutzt und sich aus der In­sol­ven­zver­wal­tung zurück­ge­zo­gen“, beobachtete der Vor­sitzende des Ver­bands In­sol­ven­zver­wal­ter Deutsch­lands (VID).

Ju­ris­tische und be­trieb­swirtschaftliche Ken­nt­nisse



Ein guter und pro­fes­sioneller Ver­wal­ter werde vor allem den Er­halt des Un­terneh­mens und damit der Ar­beit­s­plätze im Fokus haben, verdeut­licht Nier­ing grund­sät­zliche Dinge zum An­forderungspro­fil. Der Ver­wal­ter müsse neben sei­nen ju­ris­tischen und be­trieb­swirtschaftlichen Ken­nt­nis­sen auch eine ho­he soziale Kom­pe­tenz be­sitzen und Kon­di­tion mit­brin­gen: Wenn ein Ver­fahren gut vor­bereit­et sei, und dort, wo der Be­trieb an­sch­ließend auch fortbeste­he, dauere ein In­sol­ven­zver­fahren oft nur wenige Mo­nate. „Bei an­hal­ten­den Rechtsstre­itigkeit­en, teil­weise auch bis zum BGH, be­trägt die Ver­fahrens­dauer auch schon ein­mal zehn Jahre“, zeigt er auf und be­grüßt die Aufw­er­tung der Ei­gen­ver­wal­tung. „Es ist ein Ver­such, den Un­terneh­mer im Vor­feld der In­sol­venz früher mit einzubezie­hen“, ist Nier­ing überzeugt. Der Fachan­walt für In­sol­ven­zrecht be­treute in den ver­gan­ge­nen 20 Jahren mehr als 2.000 In­sol­ven­zver­fahren und ist als Sachver­ständi­ger des deutschen Bun­des­tages für in­sol­ven­zrechtliche Fragestel­lun­gen tätig. Mit sein­er Ein­schätzung kann sich auch der Ver­band der Vereine Cred­itre­form an­fre­un­den, der deut­lich macht, dass sich die Zahl der In­sol­venzen in Deutsch­land weit­er rück­läu­fig en­twick­elt. Im er­sten Hal­b­jahr 2015 wur­den 11.100 Un­terneh­mensin­sol­venzen (1. Hal­b­jahr 2014: 12.060) und 40.200 Ver­braucherin­sol­venzen (1. Hal­b­jahr 2014: 43.870) reg­istri­ert. Die Zahl der Un­terneh­mensin­sol­venzen ver­ringerte sich um acht Prozent. Die Zahl der Ver­braucherin­sol­venzen nahm um 8,4 Prozent ab. „Gründe für die an­hal­tend pos­i­tiv­en En­twick­lun­gen im In­sol­ven­zgesche­hen bei den Un­terneh­men sind die sta­bil gute Bin­nenkon­junk­tur und gün­stige Fi­nanzierungsbe­din­gun­gen“, analysiert Cred­itre­form. Wenn es darum ge­ht, große oder namhafte Un­terneh­men abzuwick­eln beauf­tra­gen die 182 deutschen In­sol­ven­zgerichte gern die ein­sch­lägi­gen „Größen“ der Branche. Allerd­ings ist die Zahl der In­sol­ven­zver­wal­ter durchaus über­schaubar. Ins­ge­samt sind nach An­gaben des VID 1.700 Ver­wal­ter an deutschen Gericht­en als Ver­wal­ter bestellt, der Berufsver­band ver­tritt mehr als 470 Mit­glied­er. Daneben gibt es mit dem von der Vor­sitzen­den Dr. Su­sanne Bern­er ge­führten Ver­band Neue In­sol­ven­zver­wal­ter­vereini­gung Deutsch­lands (NIVD) ei­nen zweit­en Berufsver­band, der bun­desweit 275 Mit­glied­er zählt. „Wir leben eine mod­erne und sanierungs­fre­undliche In­sol­ven­zver­wal­tung“, führte Su­sanne Bern­er nach ihr­er Wied­er­wahl Mitte des Jahres aus. Neben der „aus­geprägten Sanierungs­fre­undlichkeit seien auch ho­he Be­weglichkeit und höch­st­per­sön­lich­er Ein­satz Kri­te­rien mod­ern­er Ver­wal­tungstätigkeit“, beschreibt sie das An­forderungspro­fil ihr­er Kol­le­gen.

Hon­o­rarord­nung regelt Vergü­tung


„Ker­nauf­gabe des Ver­wal­ters ist es, das Un­terneh­men zu er­hal­ten und das Ver­mö­gen, das er vorfin­d­et, zu sich­ern bzw. best­möglich zu ver­w­erten, um eine möglichst gute Auszah­lung an die Gläu­biger gewähr­leis­ten zu kön­nen“, erk­lärt auch Dr. Chris­toph Nier­ing. Zwischen In­sol­ven­zan­mel­dung und Tätig­w­er­den des (vor­läu­fi­gen) In­sol­ven­zver­wal­ters lie­gen meist nur wenige Stun­den, sel­ten aber mehr als ein Tag. Dabei ist das jew­eilige In­sol­ven­zgericht in der Auswahl des Ver­wal­ters frei. The­o­retisch hat jed­er qual­i­fizierte In­teressent eine Chance. In der Praxis sie­ht das nach Schilderun­gen von Beruf­strägern so aus: „Neulinge“ wer­den zunächst mit klei­nen In­sol­venzen be­traut, haben bei Be­währung aber dann die Chance, sich mit ihr­er Ar­beit auch für größere und kom­plexere und auch lukra­ti­vere In­sol­ven­zver­fahren zu empfehlen. Im Prinzip kann je­d­er­mann In­sol­ven­zver­wal­ter wer­den, er muss nicht Fachan­walt für In­sol­ven­zrecht sein, er muss über­haupt kein Recht­san­walt oder Steuer­ber­ater sein, er muss die Tätigkeit des In­sol­ven­zver­wal­ters be­herrschen und das In­sol­ven­zgericht muss dies zu würdi­gen wis­sen. Im Wesentlichen sind Recht­san­wälte und Be­trieb­swirte, Steuer­ber­ater und Wirtschaft­sprüfer als In­sol­ven­zver­wal­ter tätig: Dies ist auch sin­n­voll, denn der In­sol­ven­zver­wal­ter muss sch­wierige rechtliche und steuer­liche Fra­gen eben­so beurteilen, wie er un­terneh­merische Entschei­dun­gen zu tr­ef­fen hat. Wie jed­er frei prak­tizierende Arzt, Recht­san­walt oder Steuer­ber­ater ist auch der In­sol­ven­zver­wal­ter ein Un­terneh­mer und muss Gewinn erzielen. Die Auf­gabe kann durchaus lukra­tiv sein. Die Vergü­tung ist in ein­er Hon­o­rarord­nung geregelt. Da die Größe der In­sol­venz­masse Grund­lage der Berech­nungs­mo­dal­itäten ist, müssen sich In­sol­ven­zver­wal­ter durchaus auch kri­tischen Kom­mentaren stellen. So sorgte das Hon­o­rar von mehr als 30 Mil­lio­nen Eu­ro für In­sol­ven­zver­wal­ter Klaus Hu­bert Görg für die Ab­wick­lung des Es­sen­er Han­del­skonz­erns Ar­can­dor sowie der 800-Mil­lio­nen-Eu­ro-Aufruf des In­sol­ven­zver­wal­ters Michael Frege für den deutschen Ableger der Leh­man-Bank für Sch­lagzeilen. Allerd­ings wird ger­ade bei der Leh­man-Ab­wick­lung auch die er­forder­liche Man­pow­er deut­lich: Die dortige Kan­zlei war mit 70 An­wäl­ten und 30 In­sol­venz-Spezial­is­ten jahre­lang mit der Mil­liar­den­pleite beschäftigt.

Weg zum In­teresse­naus­gleich

VID-Vorsitzender Dr. Christoph Niering im Gespräch mit Insolvenzrechtler Prof. Dr. Bork (Hamburg)
VID-Vor­sitzen­der Dr. Chris­toph Nier­ing im Ge­spräch mit In­sol­ven­zrechtler Prof. Dr. Bork (Ham­burg)

Große Zahlen beein­druck­en auch in an­deren Ver­fahren: Mit 15.500 Gläu­bigern hat es In­sol­ven­zver­wal­ter Ax­el Bier­bach im An­lage-Be­trugsver­fahren Akzen­ta AG zu tun, 750.000 Gläu­biger wollen bei der TelDa­Fax-Pleite ihre In­teressen ge­wahrt wis­sen. „In der Krise liegt sprich­wörtlich die Chance für ei­nen Neus­tart ohne alte Las­ten, wenn man eine In­sol­venz als das akzep­tiert, was sie ist: ein nor­maler Be­s­tandteil des Wirtschaft­slebens, eine Um­bruch­si­t­u­a­tion“, for­muliert es White & Case. Die große In­sol­ven­zrecht­skan­zlei ar­beit­et das TelDa­Fax-Gesche­hen auf und sie­ht die un­ter­schiedlichen An­sätze der Beteiligten: Der Ge­set­zge­ber strebe die best­mögliche Gläu­biger­be­friedi­gung an. Die Ar­beit­neh­mer woll­ten ihre Ar­beit­s­plätze gesichert wis­sen. Geschäfts­part­n­er und Kun­den sucht­en nach We­gen, wie weit­er zusam­mengear­beit­et wer­den könne, Ge­sellschafter woll­ten „ihr“ Un­terneh­men er­hal­ten. Der Weg zum In­teresse­naus­gleich führe mi­tun­ter über die Sch­ließung un­rentabler Geschäfts­bereiche, um ge­sunde Fir­men­teile wied­er markt­fähig zu machen. Wichtige Etap­pen seien auch die An­pas­sung von Per­so­n­alka­paz­itäten und die Beendi­gung langfristiger Verträge, wenn sie zu Ver­lus­ten führen: „Es gibt viele Schritte, die in ein­er In­sol­venz leichter, kostengün­stiger und rechtlich sicher­er ge­gan­gen wer­den kön­nen als außer­halb eines In­sol­ven­zver­fahren­s“.
Rein­hold Häken | re­dak­tion@­sued­west­falen-ma­n­ag­er.de

Ausgabe 09/2015



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