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Business

Stanzen, Ziehen, Walzen …

Die Branche der Metallbe- und -verarbeiter präsentiert sich vielfältig – doch alle Bereiche leiden trotz guter Konjunktur unter explodierenden Stahlpreisen.

Bild oben: Auf modernen Fertigungsautomaten wie hier bei Seeberger in Schalksmühle werden Stahl, Edelstahl, Messing, Aluminium oder Kupfer bearbeitet (Foto: Seeberger)
Sie sind Spezial­is­ten, manch­mal klein­ste Zulief­er­er, aber auch weltweit agierende Konz­er­nun­terneh­men, die sich dem Werk­stoff Me­t­all wid­men und als Me­t­allbe- und -ve­rar­beit­er stanzen, zie­hen, walzen, drück­en, lasern, sch­nei­den, kan­ten, sch­leifen, bohren, dre­hen, fräsen, sä­gen, bie­gen, gießen, sch­mie­den und sch­weißen. Die Branche ist weit­ge­fächert, kaum ein­deutig abzu­grenzen, aber durch enge Verknüp­fun­gen als Part­n­er in der Wertschöp­fungs­kette mit fast allen Wirtschaft­szwei­gen eng ver­bun­den. Die Stahl- und Me­t­al­lverar­bei­tung zählt nach Um­satz und Beschäftigten­zahl zu den zehn großen, mit­tel­ständisch geprägten In­dus­triezwei­gen in Deutsch­land. Die et­wa 5.000 Be­triebe mit rund 500.000 Beschäftigten er­wirtschaften ei­nen Um­satz von 83 Mil­liar­den Eu­ro. Zu den Kun­den ge­hören u.a. die Au­to­mo­bilin­dus­trie, der Maschi­nen- und An­la­gen­bau, die Elek­tronik- und Elek­troin­dus­trie, der Bau- und Einzel­han­del sowie die Bauwirtschaft. Die Un­terneh­men sind über­wie­gend kleine und mittlere Be­triebe, davon haben die meis­ten (79 Prozent) weniger als 100 Beschäftigte. 19 Prozent der Be­triebe beschäfti­gen 100 bis 500 Mi­tar­beit­er und nur in zwei Prozent der Be­triebe ar­beit­en mehr als 500 Men­schen. Die Un­terneh­men selbst sind wichtige Kun­den der Stah­lerzeuger. Sie ve­rar­beit­en 20 Mil­lio­nen Ton­nen Stahl im Jahr – rund 40 Prozent der deutschen Stahl­pro­duk­tion.

Nähe zur Stah­lin­dus­trie

Auf modernen Fertigungsautomaten wie hier bei Seeberger in Schalksmühle werden Stahl, Edelstahl, Messing, Aluminium oder Kupfer bearbeitet (Foto: Seeberger)
Auf mod­er­nen Fer­ti­gungsau­to­mat­en wie hi­er bei See­berg­er in Schalks­müh­le wer­den Stahl, Edel­s­tahl, Mess­ing, Alu­mini­um oder Kupfer bear­beit­et (Fo­to: See­berg­er)

Aus der Nähe zur Stah­lin­dus­trie re­sul­tiert eine starke Konzen­tra­tion der Branche auf Nor­drhein-West­falen: Fast die Hälfte der im Wirtschaftsver­band Stahl- und Me­t­al­lverar­bei­tung (WSM) reg­istri­erten Be­triebe pro­duziert in die­sem Bun­des­land. Jed­er fünfte Ar­beit­s­platz der Me­t­all- und Elek­troin­dus­trie in NRW wird von der Stahl- und Me­t­al­lverar­bei­tung gestellt; dies­er Branche­nan­teil wird nur noch vom Maschi­nen­bau übertrof­fen. Me­t­al­lverar­beit­er zeich­nen sich durch ho­he Spezial­isierung und Wett­be­werbs­in­ten­sität aus. Die Un­terneh­men sind Drahtzie­her, Kalt­walz­er, sind als Härtereien, Sch­mie­den, Stanz­ereien oder Ober­flächen­be­han­dler tätig und ferti­gen für die in­ter­na­tio­nalen Märkte der Au­to­mo­bil-, Elek­tro- und Bauin­dus­trie, den Maschi­nen­bau und den Han­del.
Neben Di­en­stleis­tun­gen, wie die mech­anische Bear­bei­tung von Stahl- und Alu­mini­um- oder Gussteilen, pro­duzieren die Un­terneh­men viele kleine Teile in großen Se­rien. Sie ferti­gen Fed­ern und Schrauben, kleine Verbin­dung­steile für die Au­to­mo­bilzulief­er­er, Steck­er­s­tifte und Hülsen, Ni­eten und Winkel oder auch Hal­bzeuge wie Rohre, Drähte und Stahl­formteile, die später noch ein­mal bear­beit­et wer­den müssen.
Die ver­schie­de­nen Ver­fahren der Me­t­al­lverar­bei­tung un­ter­schei­den auch die Un­terneh­men: Es gibt die span­ab­heben­den Ver­fahren (Bohren, Dre­hen, Fräsen, Sch­leifen, Sä­gen, Gewin­de­sch­nei­den, Gravieren) und Spezial­is­ten, die sich auf nicht span­ab­hebende Bereiche (Bie­gen, Gießen, Häm­mern, Prä­gen, Punzieren, Sch­mie­den, Treiben, Stanzen, Walzen, Zie­hen, Ätzen) konzen­tri­eren. Un­terneh­men der Me­t­all­branche setzen aber auch verbin­dende Pro­duk­tionsver­fahren wie Sch­weißen, Löten, Kleben und Plat­tieren ein. Un­ter­schiede gibt es aber auch durch die Art des Me­t­alls. Neben Sch­w­erme­t­all und Leicht­me­t­all kom­men auch Nichteisen­me­t­all und Edel­me­t­all zum Ein­satz.

Viele Zulief­er­er

Dr. Volker Verch, Geschäftsführer Unternehmensverband Westfalen-Mitte
Dr. Volk­er Verch, Geschäfts­führ­er Un­terneh­mensver­band West­falen-Mitte


Den meist klei­nen und mit­tel­ständischen Un­terneh­men – viele ar­beit­en als Loh­nun­terneh­men auch den vielen Zulief­er­ern zu – ge­sellen sich auch die Me­t­all ve­rar­bei­t­en­den Hand­w­erks­be­triebe. Rund 36.500 kleine und mittlere Un­terneh­men, 28.000 Lehr­linge, 465.000 Mi­tar­beit­er und rund 57 Mil­liar­den Eu­ro Um­satz – das ist Me­t­all­hand­w­erk in Deutsch­land. Me­t­all­hand­w­erk ste­ht für die ganze Viel­falt Me­t­all ve­rar­bei­t­en­der Un­terneh­men: Maschi­nen­bau, Werkzeug­bau, Me­t­all- und Stah­lkon­struk­tio­nen im Hoch- und Tief­bau, Kli­maschutz und Mo­bil­ität, öf­fentliche In­fras­truk­tur und mod­ernes Woh­nen. Me­t­all­be­triebe – vom Bronzegießer über den Me­t­allde­sign­er bis zum High­tech-Un­terneh­men – fin­d­en wir über­all, wo pro­duziert, ge­baut und ge­woh­nt wird. Als Kün­stler und Kon­struk­teur, von der Pla­nung bis zur Aus­führung oder ver­net­zt mit Part­ner­be­trieben lösen Me­t­all­hand­w­erk­er die klei­nen und großen Probleme ihr­er Kun­den. Da auf Ar­beit­ge­ber­seite die Me­t­allin­dus­trie tra­di­tionell eng mit der Elek­troin­dus­trie ver­bun­den ist, wer­den ein­deutige Ab­gren­zun­gen sch­wierig. Die M+E-In­dus­trie in Deutsch­land beschäftigte im Jahr 2016 rund 3,86 Mil­lio­nen Mi­tar­beit­er und verkaufte Güter für rund 1.093 Mil­liar­den Eu­ro, darun­ter waren 610 Mil­liar­den Eu­ro Aus­land­sum­satz (di­rekte Ex­portquote: 55,8 Prozent). Knapp 80 Prozent der Ex­porte ent­fall­en auf die drei großen Branchen Au­to­mo­bilin­dus­trie, Maschi­nen­bau und Elek­troin­dus­trie. Die wichtig­sten Ab­neh­mer­län­der (2016) deutsch­er Ex­porte sind die USA (10,4 Prozent), Frankreich (8,5 Prozent), Chi­na (8,4 Prozent), Großbri­tan­nien mit 7,7 Prozent und Italien mit 4,6 Prozent.

Breite Pro­dukt­palette

Bernhard Jacobs, Geschäftsführer Industrieverband Blechumformung (IBU) (Foto: IBU)
Bern­hard Ja­cobs, Geschäfts­führ­er In­dus­trie­ver­band Blechum­for­mung (IBU) (Fo­to: IBU)

Nach einem Wach­s­tum von 1,6 Prozent im Jahres­durch­sch­nitt 2016 ist die M+E-Pro­duk­tion mit einem pos­i­tiv­en Ergeb­nis in das Jahr 2017 ges­tartet. Für das laufende Jahr wird mit einem et­was nie­drigerem Wach­s­tum gerech­net. „Die Un­terneh­men der Me­t­all- und Elek­troin­dus­trie sind der Mo­tor der wirtschaftlichen En­twick­lung in Deutsch­land. Ihre Pro­dukte und ihr wirtschaftlich­es Gewicht machen sie zu einem der wichtig­sten Bereiche der Wirtschaft. Die M+E-In­dus­trie verbin­det ver­schie­dene Wis­sen­szweige für ihre in­no­va­tiv­en Pro­dukte und Leis­tun­gen. Sie stellt fast zwei Drit­tel der Ar­beit­s­plätze der ge­samten In­dus­trie in Deutsch­land und sorgt für mehr als die Hälfte des In­dus­trieum­satzes. In keinem an­deren großen In­dus­trie­land mit Aus­nahme von Süd­ko­rea hat die M+E-In­dus­trie be­zo­gen auf Wertschöp­fung und Beschäf­ti­gung eine ver­gleich­bare volk­swirtschaftliche Be­deu­tung“, er­läutert Dr. Michael Stahl. Der Geschäfts­führ­er des Ar­beit­ge­berver­ban­des Ge­samt­me­t­all ver­weist auf die „breite und her­aus­ra­gende Pro­dukt­palet­te“ der Me­t­all- und Elek­tro-Un­terneh­men, die zu 80 Prozent aus In­vesti­tions­gütern beste­he. „Ge­nau die ste­hen weit­er­hin im Fokus der weltweit­en Nach­frage“, un­ter­streicht Dr. Stahl die be­son­deren Stärken der Un­terneh­men: „Sie punk­ten glob­al mit in­no­va­tiv­en Pro­duk­ten, mit kun­den­spez­i­fischen Lö­sun­gen und der Fähigkeit, kom­plexe Auf­gaben zu lösen. Ab­so­lute Zu­ver­läs­sigkeit und Lie­fer­treue sowie höch­ste Qual­ität und Flex­i­bil­ität zeich­nen sie schon im­mer aus. Auf diese Stärken müssen wir bauen, um trotz der Verun­sicherung durch die Brex­it-Entschei­dung der Briten und die im­mer wied­er über­raschen­den Ankündi­gun­gen des US-Präsi­den­ten auf den Märk­ten er­fol­greich zu sein.“

Ho­he In­vesti­tio­nen

Dr. Michael Stahl, Geschäftsführer Arbeitgeberverband Gesamtmetall (Foto: Gesamtmetall)
Dr. Michael Stahl, Geschäfts­führ­er Ar­beit­ge­berver­band Ge­samt­me­t­all (Fo­to: Ge­samt­me­t­all)

„Die derzeitige wirtschaftliche Lage der Be­triebe der Me­t­all­branche ist in der Ten­denz durchaus zufrie­den­stel­lend und sta­bil“, urteilt Dr. Volk­er Verch. Der Ver­lust wichtiger Ab­satzmärkte sei of­fen­bar von etlichen Un­terneh­men kom­pen­siert wor­den, analysiert der Geschäfts­führ­er des Un­terneh­mensver­ban­des West­falen-Mitte die aktuelle wirtschaftliche Lage der Me­t­allbe- und -ve­rar­bei­t­en­den Un­terneh­men in der Re­gion. Dr. Verch sie­ht ein „nach wie vor gut laufen­des Ex­port­geschäft“, verdeut­licht aber, dass insbe­son­dere die Un­terneh­men mit en­ergiein­ten­siv­er Pro­duk­tion un­ter den stei­gen­den En­ergiekosten lei­den. „Für das laufende Jahr pla­nen etliche Be­triebe In­vesti­tio­nen auf ver­gleich­sweise ho­hem Niveau. Das spricht dafür, dass die Un­terneh­men op­ti­mis­tisch sind und in na­her Zukunft mit gleich guten Geschäften und Gewin­nen rech­nen. Un­sicher­heits­fak­toren wie dem dro­hen­den Fachkräfte­man­gel wird bere­its jet­zt durch das Auf­s­tock­en des Aus­bil­dungs­platzange­bots und der Förderung der Weiter­bil­dung auch äl­ter­er Beschäftigter sowie der Verbesserung der Fam­i­lien­fre­undlichkeit ent­ge­gengewirk­t“, heißt es vom Un­terneh­mensver­band.

Klage über Prei­s­ex­plo­sion


Nicht nur globaler Ge­gen­wind macht der Branche derzeit zu schaf­fen, es sind die stei­gen­den Stahl­preise, die der Branche das Leben derzeit sch­w­er machen. In den ver­gan­ge­nen Wochen ist es bei fast allen Stah­lerzeug­nis­sen zu ein­er regel­recht­en Prei­s­ex­plo­sion gekom­men. „Unsere Un­terneh­men haben ei­nen Ma­te­rialkos­te­nan­teil von durch­sch­nittlich 60 Prozent und wer­den da­her mit voller Wucht von dies­er En­twick­lung getrof­fen“, so WSM-Haupt­geschäfts­führ­er Chris­tian Vi­et­mey­er. Am stärk­sten be­trof­fen sind Flach­s­tah­lerzeug­nisse wie Bleche. Am Spot­markt kostet das Ref­eren­zpro­dukt Warm­bre­it­band aktuell um die 570 Eu­ro je Tonne – vor einem Jahr hatte der Preis noch bei cir­ca 330 Eu­ro gele­gen. Aber auch bei Lang­pro­duk­ten wie z.B. Walz­draht sind die Preise kräftig gestie­gen. „Preis­er­höhun­gen im dreis­tel­li­gen Eu­robereich sind keine Sel­ten­heit“, so Vi­et­mey­er. „Die Stahl­prei­s­ex­plo­sion treibt er­ste Un­terneh­men der blechum­for­men­den In­dus­trie in Liquid­ität­sproble­me“, beschreibt Bern­hard Ja­cobs, Geschäfts­führ­er des In­dus­trie­ver­ban­des Blechum­for­mung (IBU). Der Ver­bands­geschäfts­führ­er spricht für rund 240 Mit­glied­er aus der blechum­for­men­den In­dus­trie. Das Flach­s­tahl-Ref­eren­zpro­dukt Warm­bre­it­band (Hot Rolled Coil) hat sich in den Grund­preisen um bis zu 80 Prozent ver­teuert. Kauft ein mit­tel­ständisch­es Zulie­fer­un­terneh­men beispiel­sweise 7.000 Ton­nen war­mge­walzte Bleche, ent­ste­hen Mehrkosten von über 1,8 Mil­lio­nen Eu­ro. „Kun­den der Zulief­er­er müssen sich jet­zt ver­hand­lungs­bere­it zei­gen, sonst bricht die Lie­fer­kette kurzfristig zusam­men“, ap­pel­liert Bern­hard Ja­cobs. Vom Bun­deswirtschafts­min­is­teri­um fordert der IBU gleichzeitig, weit­eren Schutz­zöllen im Rah­men der An­ti-Dump­ing-Kam­pagne der Stah­lin­dus­trie zu wider­sprechen. Die da­raus re­sul­tierende Verk­nap­pung auf dem Flach­s­tahl­markt sei ein weit­er­er Preistreiber. Rein­hold Häken | re­dak­tion@­sued­west­falen-ma­n­ag­er.de

Ausgabe 05/2017