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Titelstory

Stahl und Metall unter Strom

2014 konnten die deutschen Stahl- und Metallverarbeiter ihre Produktion deutlich steigern. Doch geopolitische Unsicherheiten und schwankende Industriestrompreise bremsen die Branche.

Bild oben: Die Stahl- und Metallverarbeiter hoffen auf stabile und wettbewerbsfähige Industriestrompreise
Rund 5.000 vor allem fam­i­lienge­führte Un­terneh­men prä­gen die Stahl und Me­t­all ve­rar­bei­t­ende In­dus­trie in Deutsch­land. Cir­ca 500.000 Beschäftigte er­wirtschaften rund 80 Mil­liar­den Eu­ro Um­satz jähr­lich. Die Un­terneh­men beschäfti­gen im Durch­sch­nitt 100 Mi­tar­beit­er und sind wichtige Kun­den der Stah­lerzeuger. In der Branche über­wie­gen mit­tel­ständische Be­triebs- und Entschei­dungsstruk­turen: Größere Un­terneh­men von 500 und mehr Mi­tar­beit­ern sind nur in eini­gen Un­ter­branchen zah­len­mäßig von Be­lang. Gleichzeitig steuern Groß­be­triebe fast 30 Prozent des Ge­sam­tum­satzes der Stahl- und Me­t­al­lverar­bei­tung bei. Ve­rar­beit­et wer­den et­wa 20 Mil­lio­nen Ton­nen Stahl pro Jahr – das sind rund 40 Prozent der ge­samt­deutschen Stahl­pro­duk­tion. Die wichtig­sten Ab­neh­mer kom­men aus der Au­to­mo­bil-, Elek­tro- und Bauin­dus­trie, dem Maschi­nen­bau und dem Han­del. Auf­grund der Nähe zur Stah­lin­dus­trie ist ein Großteil der Stahl und Me­t­all ve­rar­bei­t­en­den Be­triebe in Nor­drhein-West­falen an­ge­siedelt: Knapp die Hälfte der Un­terneh­men, die dem Wirtschaftsver­band Stahl- und Me­t­al­lverar­bei­tung (WSM) mit Haupt­sitz in Düs­sel­dorf angeschlossen sind, pro­duziert auch im bevölkerungs­reich­sten Bun­des­land. Die Branche stellt je­den fünften Ar­beit­s­platz der Me­t­all- und Elek­troin­dus­trie in Nor­drhein-West­falen – nur der Maschi­nen­bau kann hi­er noch ei­nen größeren An­teil vor­weisen. Das Pro­dukt­port­fo­lio ist vielfältig und reicht von Kon­sumgütern über In­vesti­tions­güter bis hin zu Zulief­er­erteilen: Hergestellt wer­den et­wa Vor­pro­dukte wie Kalt­pro­file oder ge­zo­gen­er Draht, gesch­miedete oder gesch­weißte Teile sowie En­derzeug­nisse, beispiel­sweise Flan­sche und Rohrverbin­der oder Schrauben und Gartengeräte. In­dus­trielle Di­en­stleis­tun­gen um­fassen zum Beispiel die Ober­flächen- und Wärme­be­hand­lung sowie die mech­anische Bear­bei­tung.

In­vesti­tionss­tau

Die Stahl- und Metallverarbeiter hoffen auf stabile und wettbewerbsfähige Industriestrompreise
Die Stahl- und Me­t­al­lverar­beit­er hof­fen auf sta­bile und wett­be­werbs­fähige In­dus­trie­strom­preise

Der Ver­gleich zum Vor­jahr fiel für die Branche Ende 2014 zunächst ein­mal pos­i­tiv aus: Im let­zten Quar­tal über­traf das Pro­duk­tionsvol­u­men den oh­ne­hin schon ho­hen Vor­jahresw­ert noch um 1,7 Prozent. Doch nach einem sehr starken er­sten Hal­b­jahr ging die Fer­ti­gungsak­tiv­ität dann in der zweit­en Jahreshälfte zurück: Im let­zten Quar­tal 2014 wurde 3,2 Prozent weniger pro­duziert als in den vo­range­gan­gen drei Mo­nat­en. Grund dafür sind vor allem die geopoli­tischen Un­sicher­heit­en, die auch aktuell noch herrschen. Hol­ger Ade, beim WSM zuständig für Volk­swirtschaft, Be­trieb­swirtschaft und En­ergie, erk­lärt: „Zu nen­nen sind hi­er vor allem Russ­land und der Ukraine-Kon­f­likt – die jüng­sten En­twick­lun­gen verun­sich­ern Un­terneh­men, und wer verun­sichert ist, der tätigt weniger In­vesti­tio­nen.“ Auch der Ter­rorkrieg des Is­lamischen Staats (IS) in Syrien und im Irak trage zu dies­er Verun­sicherung bei. Den­noch: Ein Blick auf das Geschäft­sk­li­ma in der Stahl- und Me­t­al­lverar­bei­tung zeigt, dass sich die Er­war­tun­gen für die Zukunft dem neu­tralen Bereich weit­er an­näh­ern. Die aktuelle Lage wird weit­er­hin von gut 20 Prozent der Be­fragten als gut eingeschätzt, die Mehrheit ist derzeit zu­min­d­est zufrie­den. „Die neg­a­tiv­en Ef­fekte aus den geopoli­tischen En­twick­lun­gen schei­nen damit über­wun­den zu sein, möglicher­weise hat man sich an die Si­t­u­a­tion gewöh­nt und er­wartet zu­min­d­est keine weitere Es­kala­tion oder ei­nen stärk­eren Ef­fekt auf die Weltwirtschaft“, heißt es im WSM-Kon­junk­tur­bericht für Dezem­ber 2014. Vor allem Großaufträge aus dem Aus­land im März sowie im Septem­ber und Ok­to­ber tru­gen maßge­blich dazu bei, dass die Auf­trag­se­ingänge 2014 im Jahresver­lauf um 5,1 Prozent über den Vor­jahresw­ert stie­gen. Insbe­son­dere die Fahrzeug­märkte Chi­nas und Nor­damerikas, aber auch der neueren EU-Län­der legten dy­namisch zu. Für das Jahr 2015 wird dort weit­eres Wach­s­tum er­wartet, so­dass die Un­terneh­mer der Stahl- und Me­t­al­lverar­bei­tung das Jahr vor­sichtig op­ti­mis­tisch ange­hen.

Risiko En­ergiewende

Holger Ade, Wirtschaftsverband Stahl- und Metallverarbeitung
Hol­ger Ade, Wirtschaftsver­band Stahl- und Me­t­al­lverar­bei­tung


Das größte Risiko für die Branche sie­ht Hol­ger Ade in der En­ergiewende. Die EU-Kom­mis­sion hatte Mitte Dezem­ber 2013 nach Besch­w­er­den von Ver­brauch­ern ein Bei­hil­feprüfver­fahren ein­geleit­et: Grund dafür war die viel kri­tisierte Be­gren­zung der EEG-Um­lage für so­ge­nan­nte stro­m­in­ten­sive Un­terneh­men. Die In­dus­triepriv­i­legien bei der EEG-Um­lage hat die EU-Kom­mis­sion nun endgültig für recht­mäßig erk­lärt. Die Un­terneh­men müssen sich auf min­i­male Rück­zah­lun­gen ein­stellen – die Rück­forderung bezie­ht sich nur auf die Jahre 2013 und 2014. Die Un­terneh­men sollen die Dif­ferenz zwischen der bere­its gezahl­ten Um­lage und der nach den neuen Bei­hil­feleitlinien ei­gentlich zu zah­len­den Um­lage nachträglich en­tricht­en – für das Jahr 2013 ein Vier­tel des Dif­ferenz­be­trages, für 2014 die Hälfte. Nur dank des Drucks „auf höch­ster Ebene“ habe man die Ent­las­tung für die be­trof­fe­nen Be­triebe noch ret­ten kön­nen, so Hol­ger Ade. Er kri­tisiert, dass Un­terneh­men sich nicht da­rauf ver­lassen kön­nen, dauer­haft von Zusatzkosten be­fre­it zu wer­den, da die Ent­las­tung an bes­timmte Sch­wel­len­w­erte geknüpft sei. „Fällt man ein­mal drun­ter, muss man die volle EEG-Um­lage en­tricht­en.“ Das führe zu ein­er ho­hen Pla­nung­sun­sicher­heit – und die wiederum zu weniger In­vesti­tio­nen. „Die Fi­nanzierung der En­ergiewende muss an­ders gelin­gen“, glaubt Hol­ger Ade – sie könne nicht aussch­ließlich über die Um­lage auf die Stromver­brauch­er be­strit­ten wer­den.
Der Wirtschaftsver­band Stahl- und Me­t­al­lverar­bei­tung prog­nos­tiziert für das zweite Hal­b­jahr 2015 ein Pro­duk­tion­swach­s­tum um rund drei Prozent. „Ich bin zu­ver­sichtlich, dass wir die­sen Wert noch ein­mal er­reichen kön­nen“, gibt sich Hol­ger Ade op­ti­mis­tisch. Doch Wach­s­tum sei die eine Seite – entschei­dend sei, wie die Branche pro­f­ita­bel wach­sen könne. „Da se­he ich weitere Her­aus­forderun­gen auf die Un­terneh­men zukom­men. Viele der großen Au­to­mo­bil­her­steller haben bere­its um­fan­greiche Kostensenkungspro­gramme angekündigt – der Druck auf die Zulief­er­er nimmt weit­er zu.“ Christi­na Spill | re­dak­tion@­sued­west­falen-ma­n­ag­er.de

Ausgabe 04/2015



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Die Automobilhersteller haben umfangreiche Kostensenkungsprogramme angekündigt – der Druck auf die Zulieferer nimmt zu
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