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Titelstory

Kampf um die besten Köpfe

Immer mehr Betriebe klagen über Schwierigkeiten bei der Besetzung freier Ausbildungsplätze. Grund ist unter anderem ein zunehmender Akademisierungstrend.

Bild oben: Mangelware Azubi
„Die Grund­lage eines je­den Staates ist die Aus­bil­dung sein­er Ju­gend.“ So for­mulierte es einst der an­tike Philo­soph Dio­genes von Sinope. Dies­er Mei­n­ung wür­den sich die meis­ten Un­terneh­mer der Ge­gen­wart wohl an­sch­ließen, auch wenn im­mer mehr Be­triebe über Sch­wierigkeit­en bei der Be­set­zung frei­er Aus­bil­dungs­plätze kla­gen. Die Si­t­u­a­tion stellt sich je­doch nicht für jede Fir­ma gleicher­maßen prekär dar. „In Nor­drhein-West­falen haben wir aktuell ei­nen sehr hetero­ge­nen Aus­bil­dungs­mark­t“, sagt Gre­gor Berghausen, Ko­or­d­i­na­tor der nor­drhein-west­fälischen In­dus­trie- und Han­del­skam­mern in den Bereichen Aus- und Weiter­bil­dung. „Festzustellen ist auf der ei­nen Seite eine re­gio­nale Spal­tung: Ten­denziell weisen beispiel­sweise das Ruhrge­bi­et und Os­t­west­falen eine Un­ter­deck­ung an Aus­bil­dungsange­boten auf, während wir im Sauer­land, in Süd­west­falen und Teilen des west­lichen Mün­ster­lan­des eher ei­nen Man­gel an Auszu­bil­den­den haben.“ Wie deut­lich die Un­ter­schiede sein kön­nen, zeigt die Statis­tik der Bun­de­sa­gen­tur für Ar­beit: Dem­nach verzeich­nete Bot­trop im Au­gust 83 freie Lehrstellen und 184 un­ver­sorgte Be­wer­ber, während in Düs­sel­dorf 1.137 unbe­set­zten Aus­bil­dungs­plätzen lediglich 701 un­ver­sorgte Be­wer­ber ge­genüber­s­tan­den. „NRW-weit gleichen sich die Zahlen rein rech­nerisch let­ztlich aus. Das heißt aber nicht, dass alle Be­triebe die gewün­scht­en Be­wer­ber fin­d­en oder alle Ju­gendlichen ei­nen Aus­bil­dungs­platz in der un­mit­tel­baren Umge­bung ihres Woh­nortes er­gat­tern.“

Falsche Vorstel­lun­gen

Mangelware Azubi
Man­gel­ware Azu­bi

Darüber hi­naus wer­den auch in den ver­schie­de­nen Berufs­feldern zum Teil große Un­ter­schiede bei der An­zahl der Be­wer­ber fest­gestellt. Der in­dus­triell-tech­nische sowie der na­tur­wis­sen­schaftliche Bereich haben eben­so wie die Gas­tronomie seit vielen Jahren Sch­wierigkeit­en, Aus­bil­dungs­plätze mit qual­i­fizierten Be­wer­bern zu be­setzen. Neuerd­ings kla­gen auch im­mer mehr Fir­men der stark wach­sen­den Lager- und Lo­gis­tik­branche über Probleme bei der Suche nach den passen­den Azu­bis. Ve­r­ant­wortlich dafür sind vor allem falsche Vorstel­lun­gen der Ju­gendlichen. „Mit Lo­gis­tik wird häu­fig das Pack­en von Paketen ver­bun­den, dabei hat der Job ei­gentlich viel mehr mit IT zu tun.“ Aus die­sem Grund sei es wichtig, Berufs­bilder und Branchen bekan­n­ter zu machen. „Wir kön­nen nicht mehr davon aus­ge­hen, dass Kin­der aus dem Um­feld der Fam­i­lie Im­pulse bekom­men, die dazu führen, dass sie sich mit Ar­beit­sprozessen beschäfti­gen. Kin­der zu fra­gen, was sie mal wer­den wollen, und zu er­warten, dass sie ei­nen hochd­if­ferenzierten Beruf­swun­sch nen­nen, ist der falsche Weg. Statt­dessen sollte man auf der Ba­sis von In­teressen­bekun­dun­gen ein Berufs­bild oder ein Berufs­feld iden­ti­fizieren.“ Dann würde es beispiel­sweise auch gelin­gen, dass sich Ju­gendliche, die in den IT-Bereich wollen, nicht nur bei IT-Un­terneh­men be­wer­ben, son­dern auch bei Lo­gis­tik­ern. Auf­fäl­lig ist, dass vor allem kleine und mittlere Be­triebe ge­genüber großen Un­terneh­men oft­mals das Nach­se­hen haben. „Unsere Wirtschaft­skraft wird ge­tra­gen vom Mit­tel­s­tand, dessen Brand­ing für die Ju­gendlichen aber rel­a­tiv un­in­teres­sant und in der öf­fentlichen Wahrneh­mung kaum erkenn­bar ist“, so Berghausen weit­er. „Dabei liegt das Aus­bil­dungspotenzial in Deutsch­land in den ‚Wil­li Sch­mitz GmbHs‘ und nicht in den großen Na­men.“ Ger­ade diese Un­terneh­men in ein­er auf op­tische Reize fokussierten Welt bei den jun­gen Leuten als at­trak­tive Ar­beit­ge­ber zu etablieren sei eine große Her­aus­forderung. Den­noch müsse man nicht wie das „Kan­inchen vor der Sch­lange ste­hen“, die Probleme auf dem Aus­bil­dungs­markt seien lös­bar. Das haben auch zahl­reiche Un­terneh­men erkan­nt, die ihre Aus­bil­dung nun „at­trak­tivieren“. Gelin­gen soll die­s­es Vorhaben durch das gezielte Her­an­treten an die Ziel­gruppe im Rah­men von Schul­part­n­er­schaften oder Beteili­gun­gen an Berufsmessen. Großer Be­liebtheit er­freut sich auch das Pro­jekt „Aus­bil­dungs­botschafter“ der IHK NRW, bei dem Auszu­bil­dende ver­schie­den­ster Berufs­felder in die Schulen ge­hen und von ihr­er Tätigkeit in den Be­trieben erzählen. Un­terneh­men, die in ab­so­luten Rand­la­gen lie­gen, helfen sich mit fi­nanziellen An­reizen: So kommt es vor, dass für Ju­gendliche Mo­tor­roller angemi­etet oder zu Aus­bil­dungs­be­ginn Tablets ver­schenkt wer­den. Im­mer mehr Fir­men öff­nen sich zu­dem sch­wächeren Ziel­grup­pen. „Das ge­ht aber natür­lich nur, wenn man ein gutes Förderungskonzept hat. Ei­nen Sch­wächeren einzustellen, den ich früher nicht aus­ge­bildet hätte, ist das eine, ihn dann noch zu ein­er IHK-Prü­fung zu führen, das an­dere“, erk­lärt Berghausen. Ent­sprechende Mod­elle sind in klei­nen Un­terneh­men je­doch deut­lich sch­wieriger umzusetzen als in Konz­er­nen. Den­noch zei­gen sich viele Fir­men heute sehr ein­fall­s­reich, wenn es darum ge­ht, Auszu­bil­dende zu gewin­nen. „Natür­lich ler­nen Un­terneh­men wie alle Or­gan­i­sa­tio­nen am besten durch Sch­merz. Je größer der Druck ist, des­to größer ist auch das En­gage­men­t“, fährt Berghausen fort. „In­sofern stellen wir fest, dass Be­triebe, die tat­säch­lich Sch­wierigkeit­en haben, Be­wer­ber zu fin­d­en, plöt­zlich krea­tiv wer­den.“ Be­son­ders wichtig sei es, dass Un­terneh­men in die­sem Bereich vonei­nan­der ler­nen – auch in Re­gio­nen, in de­nen der Man­gel an Auszu­bil­den­den noch nicht spür­bar ist.

Akademisierungstrend be­grenzen


Ins­ge­samt stan­den nach der Statis­tik der Bun­de­sa­gen­tur für Ar­beit in Nor­drhein-West­falen im Au­gust 21.243 unbe­set­zten Aus­bil­dungs­plätzen noch 23.968 un­ver­sorgte Be­wer­ber ge­genüber. Damit hat sich die Si­t­u­a­tion in den let­zten drei Jahren im­mer weit­er verbessert. „Da derzeit die Stu­di­en­plätze vergeben wer­den, wird die Zahl der Be­wer­ber bis zum Jahre­sende aber sch­melzen. Im­mer­hin hal­ten sich viele Abi­turi­en­ten noch die bei­den Op­tio­nen Lehre und Studi­um of­fen“, erk­lärt der Aus­bil­dungs-Ex­perte. „Das heißt, es wird bald ge­nau­so viele Be­wer­ber wie of­fene Stellen geben.“ Insbe­son­dere an den Uni­ver­sitäten liegt ein weit­eres Problem für die Aus­bil­dungs­be­triebe: Der wach­sende Trend zur akademischen Aus­bil­dung ver­stärkt den de­mo­gra­fischen Ef­fekt noch zusät­zlich. Zwar ge­hen einige Be­triebe bere­its dazu über, an­s­tatt Auszu­bil­dende Bach­e­lorab­sol­ven­ten für eine bes­timmte Po­si­tion einzustellen, in allen Branchen ist das aber nicht möglich. „Ei­nen In­dus­trie­mechanik­er in der klas­sischen Aus­bil­dung kann man beispiel­sweise nicht durch ei­nen Maschi­nen­bauin­ge­nieur im Bach­e­lor ersetzen.“ Ger­ade im pro­duk­tion­sori­en­tierten Bereich brauche man unbe­d­ingt Mi­tar­beit­er, die über eine fundierte Aus­bil­dung ver­fü­gen. An­dern­falls könne das, was von In­ge­nieuren hoch pro­fes­sionell er­dacht wor­den ist, nicht pro­duziert wer­den. Für die Zukunft sei es ganz entschei­dend, den Akademisierungstrend zu be­grenzen. „Vor allem müssen wir es schaf­fen, dass in der ge­sellschaftlichen Wahrneh­mung die Aus­bil­dung eine eben­so ho­he Wertschätzung er­fährt wie ein Hoch­schul­s­tudi­um, und den ge­sellschaftlichen Fokus auf die Leute richt­en, von de­nen Deutsch­land ei­gentlich ab­hängt. Der größte Teil der sozialver­sicherungspflichtig Beschäftigten hat näm­lich kei­nen Hoch­schu­lab­sch­luss und der größte Teil des Brut­to­sozial­pro­duktes in Deutsch­land wird er­wirtschaftet von Leuten, die nie eine Hoch­schule von in­nen ge­se­hen haben“, gibt Gre­gor Berghausen zu be­denken. „Das be­deutet: Wenn wir Deutsch­lands Rolle als Ex­portwelt­meis­ter und er­fol­greichen In­dus­tri­e­s­tan­dort nicht ge­fähr­den wollen, dann müssen wir sehr stark für das ge­sellschaftliche Im­age von beru­flich­er Aus­bil­dung ar­beit­en.“
Jes­si­ca Hell­mann | re­dak­tion@­sued­west­falen-ma­n­ag­er.de

Ausgabe 10/2015



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Gregor Berghausen, Koordinator der nordrhein-westfälischen Industrie- und Handelskammern in den Bereichen Aus- und Weiterbildung (Foto: Ralf Bauer)
Gregor Berghausen, Koordinator der nordrhein-westfälischen Industrie- und Handelskammern in den Bereichen Aus- und Weiterbildung (Foto: Ralf Bauer)