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Fast wahr ist auch falsch

Julia Dombrowski beschäftigt sich mit kognitiven Dissonanzen und dem Umstand, dass wir uns gern die Welt schönreden.

Bild oben: (Foto: ©Africa Studio - stock.adobe.com)
Manch­es hal­ten Men­schen über lange Zeit er­s­taun­lich gut aus: zu viel Fast Food, zu wenig Be­we­gung, He­lene Fisch­er. Manch­es hal­ten Men­schen er­s­taun­lich sch­lecht aus, so­gar über ei­nen kurzen Zei­traum, z.B. ei­nen Zah­narzt­bohr­er im Mund. Oder Wider­sprüche, die zu so­ge­nan­n­ten kog­ni­tiv­en Dis­so­nanzen führen. Die men­sch­liche Psyche ist da­rauf aus­gelegt, ei­gene Wahrheit-
en, Überzeu­gun­gen, Emo­tio­nen und Ein­stel­lun­gen im Ein­k­lang hal­ten zu wollen. Wenn Wis­sen und Wahrneh­mung nicht überein­s­tim­men, ent­ste­ht nor­maler­weise Stress. Meis­tens akzep­tieren wir nicht, wenn Be­haup­tun­gen und Re­al­ität klar au­sei­nan­derk­laf­fen. Sagt je­mand: „Justin Bie­ber macht ganz vorzügliche klas­sische Jazz-Musik“, hal­ten wir ihn für ei­nen Spin­n­er. Problem gelöst. Eine sch­wedische Studie hat vor eini­gen Jahren er­forscht, welche an­deren Strate­gien des Be­wusst­seins die als unan­genehm emp­fun­dene kog­ni­tive Dis­so­nanz aus­löst. Dafür wur­den Proban­den ge­beten, ei­nen Frage­bo­gen zum The­ma Tele­fonüberwachung auszufüllen. Der Frage­bo­gen war so ma­nip­uliert, dass die Ant­worten ste­hen blieben, die Fra­gen aber im Nach­hinein ins Ge­gen­teil verkehrt wur­den. Später bat man die Proban­den, ihre Mei­n­un­gen zu er­läutern – und Überwachungs­geg­n­er wur­den mit (ange­blich ei­ge­nen) be­für­wor­ten­den Ant­worten kon­fron­tiert und vice ver­sa. Nur sehr wenige Proban­den sagten im In­ter­view, sie müssten sich beim Aus­füllen geir­rt haben, weil die Ant­worten keineswegs ihr­er Überzeu­gung ent­sprächen. Der Großteil der Teil­neh­mer be­gann, sich ein Be­grün­dungs­ge­flecht zu kon­struieren, mit dem sie die Ant­worten, die völ­lig kon­trär zu ihren Überzeu­gun­gen stan­den, in ihr Welt­bild in­te­gri­eren kon­n­ten. Entschei­dend ist, von wem Wider­sprüche aus­ge­hen – lässt der­jenige sich ge­fahr­los als Spin­n­er ab­stem­peln? Wenn die ei­gene Per­son – wie in der sch­wedischen Studie – Aus­lös­er für die Dis­so­nanz ist, wird es sch­wieriger. „Ich bin ja ein Idiot“ ist besten­falls eine selb­stironische Aus­nah­me­be­haup­tung. Falls es Per­so­n­en und In­sti­tu­tio­nen mit Au­torität, Macht oder ge­sellschaftlichem Ein­fluss sind, kann die Falsch­be­haup­tung eine ernst zu neh­mende Strate­gie sein, die schädliche Fol­gen hat. Wenn Ange­hörige ein­er Regierung be­haupten, bei der Amt­se­in­führung ihres Präsi­den­ten seien mehr Men­schen gewe­sen als je­mals zu­vor bei ir­gen­dein­er an­deren Amt­se­in­führung – ob­wohl Bilder und Au­genzeu­gen zweifels­frei bele­gen, dass dies nicht wahr ist –, dann ist das nicht bloß eine drol­lig-ab­surde Art, sich eine ei­gene Re­al­ität zu schaf­fen. Es ist auch eine Meth­ode, sa­lon­fähig zu machen, die Wahrneh­mung von Zwei­flern für ungültig zu erk­lären. Auf diese Weise lässt sich nach und nach etablieren, die Wahrneh­mung ganz­er Bevölkerungs­grup­pen für nur eine Spie­lart der Re­al­ität zu erk­lären. Und das funk­tioniert.
Die kog­ni­tive Psy­cholo­gie weiß, dass das Gedächt­nis faul und träge ist: Ihm ge­fällt bere­its Bekan­ntes bess­er als Neues. Ein­er mehr­fach wahrgenomme­nen Be­haup­tung schreibt es de­shalb mehr Wahrheits­ge­halt zu als ein­er frischen Aus­sage. Ge­nau genom­men macht sich kom­merzielle Wer­bung die­s­es Prinzip seit je­her zunutze: Je öfter die Ziel­gruppe von der zugeschriebe­nen Ei­gen­schaft eines Pro­dukts hört oder li­est, des­to eher ve­r­ank­ern sich Aus­sa­gen als Wahrheit­en im Gedächt­nis: „streichzart“, „pro­bi­o­tisch“, „mint­frisch“ – das wird schon ir­gend­wie zum Pro­dukt ge­hören, wenn es im­mer wied­er in einem Atemzug ge­nan­nt wird. Warum soll ein au­toritär­er Staat nicht prak­tizieren, was seit Jahrzeh­n­ten dabei hilft, Marme­lade und Mö­belpol­i­tur zu verkaufen? Bleiben Sie kri­tisch. Trauen Sie Ihren ei­ge­nen Au­gen und Ohren. Lassen Sie Ihr Ge­hirn nicht denk­faul wer­den. Sonst wählen Sie im besten Fall das falsche Kau­gum­mi – im sch­lecht­esten aber Sch­lim­meres.
Ju­lia Dom­brows­ki I re­dak­tion@­sued­west­falen-ma­n­ag­er.de

Ausgabe 03/2017



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(Foto: ©Africa Studio - stock.adobe.com)
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