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Eine runde Sache

Die Reifenhandel-Branche sieht sich einer spannenden Zukunft entgegen. Neben Preissteigerungen sorgen vor allem die stark beworbenen Ganzjahresreifen für gemischte Gefühle.

Bild oben: Zweimal im Jahr steht normalerweise ein Reifenwechsel an (© Karin & Uwe Annas – stock.adobe.com)
Autor­eifen. Jed­er ken­nt sie und na­hezu jed­er braucht sie. Die sch­warzen Gum­mireifen bil­den sch­ließlich den einzi­gen Kon­takt zwischen dem Au­to­mo­bil und dem Un­ter­grund. Ob beim Besch­le­u­ni­gen, Verzögern oder dem sch­licht­en Dahin­gleit­en – ohne Reifen wäre das Au­to nicht fahr­bere­it. Um­so wichtiger ist es, auf sie ver­trauen zu kön­nen. Denn kommt es auf­grund eines Reifen­scha­dens zu einem Un­fall, kann dies­er sch­w­er­wie­gende Fol­gen haben. Die Frage ist nun, ob im­mer dem vermeintlich gün­stigeren In­ter­ne­tange­bot nachge­laufen oder dem realen Reifen­händler um die Ecke das Ver­trauen geschenkt wer­den sollte. „Zufrie­dene Kun­den gewin­nt man mit Qual­ität, ent­sprechen­der Di­en­stleis­tung und bezahl­barem Mehr­w­ert“, sagt Ro­land Richter, Vor­s­tands­mit­glied des BRV, des Bun­desver­ban­des Reifen­han­del und Vulkanisieur-Hand­w­erk e.V., und fügt gern hinzu: „Wo haben wir mehr Qual­ität und wo kön­nen wir gegebe­nen­falls auch Preise an­heben? Ja, Sie haben richtig ge­le­sen! Bei den Preisen se­he ich viel Potenzial! Warum neh­men manche Ver­mark­ter trotz guter Auss­tat­tung und Per­so­n­al Dump­ing­preise? Dauer­haft nie­drige Preise anzu­bi­eten sichert in kein­er Weise das Beste­hen eines Un­terneh­mens. Bil­lig kann erst mal jed­er.“
Na­turkautschuk-Preis steigt
Dass Ro­land Richter nicht allein mit sein­er Mei­n­ung ste­ht, zeigt allein der in den let­zten Wochen ange­zo­gene Na­turkautschuk-Preis. Und da der aus dem Saft des He­vea-Baumes ge­wonnene Kautschuk der Hauptbe­s­tandteil von Gum­mi ist, der die Elas­tiz­ität garan­tiert, wirkt sich sein stei­gen­der Preis selb­stver­ständlich auf das Ge­samt­pro­dukt Reifen aus. Warum der Preis steigt, soll u.a. an Speku­la­tio­nen chi­ne­sisch­er In­ve­s­toren lie­gen, die in ihr­er Hei­mat ein wied­er stei­gen­des Wach­s­tum er­warten. Um bis zu ne­un Prozent sollen da­her allein die Preise für die Som­mer­reifen des ko­re­anischen Reifen­her­stellers Nex­en Tire ab dem 1. März stei­gen. Die meis­ten weit­eren Her­steller wer­den nachzie­hen. Nicht gestie­gen, son­dern um rund ein Prozent ge­fall­en ist der Reifen­ab­satz­markt in Deutsch­land, wer­den die verkauften Stück­zahlen vom Han­del an den Ver­brauch­er herange­zo­gen. Wur­den noch im Jahr 2015 40,8 Mil­lio­nen Pkw-Reifen verkauft, waren es 2016 410.000 Ein­heit­en weniger. Und auch für das kom­mende Jahr wird mit einem Rück­gang der Pkw-Reifen-Verkauf­szahlen um eine ähn­liche Größenord­nung gerech­net. Die ins­ge­samt 40.390.000 verkauften Pkw-Reifen von 2016 teilen sich in 21,88 Mil­lio­nen Som­mer­reifen und 18,51 Mil­lio­nen Win­ter­reifen auf. Wobei da­rauf hingewie­sen wer­den muss, dass sich hin­ter dem Be­griff Som­mer­reifen auch die Ganz­jahres­reifen ver­ber­gen. Und ge­nau die bil­den für den Reifen­han­del aktuell ein ganz be­son­deres The­ma. Nicht erst seit die­sem Jahr wird von der In­dus­trie der Ganz­jahres-, All­wet­ter- oder All Sea­son-Reifen dazu genutzt, im Seg­ment zu wach­sen. Kein an­der­er Reifen­typ wird so ag­gres­siv und of­fen­siv be­wor­ben. Bere­its im Jahr 2011 wur­den über drei Mil­lio­nen Ganz­jahres­reifen verkauft. Aktuell sollen es über sechs Mil­lio­nen pro Jahr sein. Wolf­gang Alfs, Geschäfts­führ­er BBE Au­to­mo­tive GmbH, Köln, meint dazu: „Der Be­s­tand­san­teil ist mittler­weile zweis­tel­lig, in den Großstädten der nördlichen Hälfte der Bun­des­re­pub­lik sind Werte jen­seits der 20 Prozent zu messen.“

Son­der­fall Ganz­jahres­reifen

Zweimal im Jahr steht normalerweise ein Reifenwechsel an (© Karin & Uwe Annas – stock.adobe.com)
Zwei­mal im Jahr ste­ht nor­maler­weise ein Reifen­wech­sel an (© Karin & Uwe An­nas – stock.adobe.com)

Die Gründe lie­gen auf der Hand: Der Kunde spart Geld und Zeit. Die „Ok­to­ber bis Os­tern“-Regel für die Win­ter­reifen ent­fällt eben­so wie das Um­rüsten und Ein­lagern der Reifen. Aber Vor­sicht: „Schon bei Re­gen kön­nen viele der Ganz­jahres­reifen nicht mehr mit Som­mer­reifen mithal­ten, bei Trock­en­heit sind sie, ge­nau wie Win­ter­reifen, defini­tiv die falsche Wah­l“, ver­rät Gun­nar Beer, Reifen­ex­perte beim Au­to­mo­bil­club ACE. Und auch BRV-Geschäfts­führ­er Hans-Jür­gen Drech­sler mah­nt: „Es muss an dies­er Stelle noch ein­mal ex­pl­iz­it da­rauf hingewie­sen wer­den, dass es von der Norm, der Ge­set­zge­bung her (ECE-Regelun­gen, EU-Richtlinien und StV­ZO) den Be­griff Ganz­jahres­reifen nicht gibt, er al­so mehr oder weniger eine ,Mar­ketingerfin­d­ung' ist. Hi­er wird defini­tiv lediglich in ,nor­male' Reifen – in unserem Sprachge­brauch: Som­mer­reifen – und in M+S-gekennzeich­nete Reifen (sukzes­sive in Verbin­dung mit dem Sch­nee­flock­en­sym­bol), al­so Win­ter­reifen, un­ter­schie­den!“ Aber was macht den großen Un­ter­schied zu einem echt­en Win­ter­reifen ei­gentlich aus? Ab Tem­per­a­turen von un­ter sieben Grad Cel­sius kom­men die un­ter­schiedlichen Mischung­stech­nolo­gien an ihre Grenzen. Soll heißen, in Win­ter­reifen wer­den höhere An­teile von Na­turkautschuk ve­rar­beit­et, der auch bei nie­dri­gen Tem­per­a­turen flex­i­bel bleibt und sich somit bess­er mit der Fahr­bah­nober­fläche verzah­nen kann. In Som­mer­reifen kommt Kun­stkautschuk zum Ein­satz, der bei höheren Tem­per­a­turen bess­er funk­tioniert. Doch was sind schon die teuer­sten Win­ter­reifen ohne die ko­r­rekte Pro­filtiefe wert? Richtig: nichts. Die im Jahr 1992 in der EG-Kom­mis­sion fest­gelegte Min­dest­pro­filtiefe für Reifen be­trägt so­wohl für Som­mer- als auch für Win­ter­reifen 1,6 Mil­lime­ter. Da allerd­ings schon un­ter vi­er Mil­lime­tern die Win­ter­tauglichkeit von Win­ter­reifen an Wirkung ver­liert, soll­ten sie wesentlich früher als vorgeschrieben ge­tauscht wer­den. Und wo ge­ht das bess­er als beim kom­pe­ten­ten Reifen­händler um die Ecke?

Im Winter können nur Winterreifen für eine ausreichende Sicherheit sorgen (© animaflora – stock.adobe.com)
Im Win­ter kön­nen nur Win­ter­reifen für eine aus­reichende Sicher­heit sor­gen (© an­i­maflo­ra – stock.adobe.com)

Mar­cel Som­mer | re­dak­tion@­sued­west­falen-ma­n­ag­er.de

Die Mindestprofiltiefe ist bei Reifen besonders wichtig (© industrieblick – stock.adobe.com)
Die Min­dest­pro­filtiefe ist bei Reifen be­son­ders wichtig (© in­dus­trie­blick – stock.adobe.com)

Ausgabe 03/2017