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Business

Blech schön in Form gebracht

Das uralte Handwerk der Blechumformung ist High-Tech – und ein gigantischer Markt mit 19 Milliarden Euro allein in Deutschland.

Bild oben: Blech-Vielfalt (Foto: Euroblech)
Schon die al­ten Ägypter fertigten Ge­fäße aus Blech. Die waren aus fein­stem Gold und passten so gar nicht in die Kat­e­gorie „Blech­büch­se“. Blech ist ein All­roun­der, ein his­torisch­er Werk­stoff zu­dem: 200 Jahre ist es her, dass das Pa­tent auf die Büchse angemeldet wurde; die Idee dazu en­twick­elte der franzö­sische Koch und Fein­bäck­er Ni­co­las Ap­pert. Kais­er Napoleon hatte eine Prämie von 12.000 Gold­franken aus­gelobt, um Ver­fahren zum Halt­bar­machen von Lebens­mit­teln zu fin­d­en und damit sei­nen Feldzü­gen bessere Verpfle­gung vorhal­ten zu kön­nen. Was mit der Verpfle­gung klappte, sollte später auch die Trinkkul­tur verän­dern. Als Getränke­dose er­lebte die „Blech­büch­se“ ei­nen Auf­sch­wung oh­ne­gleichen. Blech ist aber weit mehr als Ver­pack­ungs­ma­te­rial für Lebens­mit­tel.
Blech wird heute von drei großen Hauptver­braucher­grup­pen einge­set­zt: Die Fahrzeugtech­nik or­dert et­wa 42 Prozent, die Eisen-, Blech- und Me­t­allin­dus­trie ve­rar­beit­et je­den fünften Qua­drat­me­ter, die Elek­trotech­nik et­wa 15 Prozent. Blech wird zum Bau von Brück­en ver­wen­det, Au­tos und Schiffe wer­den aus die­sem Ma­te­rial ge­fertigt, aber auch Rohre und „Weiße Ware“, Großgeräte für den Ein­satz im Haushalt. Pro­duk­tion­stech­nisch ist Blech ein Hal­bzeug, das erst durch weitere Bear­bei­tungsschritte zum ferti­gen Pro­dukt wird.

100.000 Beschäftigte mit 19 Mil­liar­den Eu­ro Um­satz

Blech-Vielfalt (Foto: Euroblech)
Blech-Viel­falt (Fo­to: Eu­roblech)

Der In­dus­trie­ver­band Blechum­for­mung ver­tritt als Bun­desver­band die Un­terneh­men der Branche und deren Part­n­er. Die Un­terneh­men sind vor­wie­gend mit­tel­ständisch geprägte Fam­i­lie­nun­terneh­men mit ho­her Spezial­isierung und Wett­be­werb­ser­fahrung. Auch die über 230 Ver­bands­mit­glied­er sind mehrheitlich Zulief­er­er der Au­to­mo­bil- und Elek­tronikin­dus­trie, des Maschi­nen- und An­la­gen­baus, der Mö­bel- und Bauin­dus­trie sowie der Mediz­in­tech­nik. Das Um­satzvol­u­men der Branche be­trug im Jahr 2015 rund 19,17 Mil­liar­den Eu­ro bei 99.547 Beschäftigten.
Weiche Ma­te­rialien stan­den zu Be­ginn der Sch­miedekunst im Vorder­grund: Gold und Sil­ber ließen sich gut zu dün­nen Me­t­alltafeln for­men, aus de­nen Sch­muck und Münzen ge­formt wur­den. Eisen­bleche wur­den zu Rit­ter­rüs­tun­gen, pure Han­dar­beit, ein­fache Werkzeuge, eine kom­pl­izierte Ar­beit, die ein ho­h­es Maß an Er­fahrung und Übung benötigte: Ham­mer­sch­läge formten das Ma­te­rial, bracht­en es in die benötigte Stärke. Wasserkraft und angetriebene Häm­mer er­möglicht­en neue Di­men­sio­nen und verkürzten die Her­stel­lungszeit. Vor et­wa 200 Jahren wurde das Walzen von Blechen er­fun­den und hat sich seit­dem zu einem der wichtig­sten Prozesse in der Me­t­all­bear­bei­tung en­twick­elt. Die­s­es Ver­fahren beruht eben­falls auf mech­anisch­er Kraftein­wirkung. Ein Me­t­all­block wird zwischen zwei Walzen ge­zo­gen, dabei wird seine Dicke ver­ringert. Warm- und Kalt­walzen sind gängige Ver­fahren – auch ver­schie­den­ste Pro­file, Rohre, Drähte oder Schie­nen wer­den mit Walzen hergestellt.

Legierun­gen bi­eten Viel­falt

Service-Mitarbeiter bei der Überholung einer Pressenlinie (Foto: Schuler)
Ser­vice-Mi­tar­beit­er bei der Über­hol­ung ein­er Pressen­linie (Fo­to: Schuler)


Stahl­bleche wer­den auf­grund mehr­er­er Ei­gen­schaften un­ter­schie­den. Meist er­fol­gt die Un­terteilung auf­grund der Dicke. Fein­bleche sind Bleche mit ein­er Stärke von weniger als drei Mil­lime­tern. Dabei han­delt sich um warm oder kalt fertigge­walztes Blech, das meist für Um­for­mzwecke be­nutzt wird. Je nach der Stahl­sorte kön­nen diese Fein­bleche auch verzin­nt, verzinkt, verkupfert, ver­nick­elt, lackiert, email­liert oder kun­st­stoffbeschichtet sein. Heute ist die Auswahl an For­mat­en und Ma­te­rial­stärken na­hezu grenzen­los, un­ter­schiedliche Legierun­gen bi­eten un­ter­schiedlich­ste Ei­gen­schaften: Chrom, Nick­el, Sil­iz­i­um, Molyb­dän, Niob, Kupfer und Ti­tan – das ist nur eine kleine Auswahl der El­e­mente, die der Stahlsch­melze hinzuge­fügt wer­den kön­nen. Blech gibt es in vielen Stahl­sorten, Alu­mini­um und an­deren Me­t­allen, die jew­eils wiederum in den un­ter­schiedlich­sten Legierun­gen ange­boten wer­den.

In­di­vi­du­ell in Form brin­gen

Porsche-Panamera: Hybrid-Leichtbaukarosserie in Stahl-Aluminium-Mischbauweise (Foto: Porsche)
Porsche-Pa­nam­era: Hy­brid-Leicht­baukarosserie in Stahl-Alu­mini­um-Misch­bauweise (Fo­to: Porsche)

Bleche sind großflächig her­stell­bar, dabei sehr dünn und leicht, eben, sta­bil und elastisch. Sie sind für jegliche Art von Ab­deck­ung oder Verk­lei­dung geeignet und vielfältig ver­form­bar. Man kann sie sch­nei­den, stanzen, bie­gen oder sch­weißen, ganz in­di­vi­du­ell „in For­m“ brin­gen. Die größte Ver­wen­dung fin­d­en heute Stahl­bleche, die insbe­son­dere in der Au­to­mo­bilin­dus­trie einge­set­zt wer­den. Mil­lio­nen­fach wird Blech in Form ge­bracht und zu den großen und globalen Au­to­mo­bilschauen in Szene ge­set­zt: Zur Au­to­mo­bi­lausstel­lung in Frank­furt am Main oder den Branchen-Events in De­troit oder Paris lockt Blech, das oft mit glänzen­dem Lack, Fo­to­grafen und gut ausse­hen­den Mädchen gar­niert wird. Dabei ste­hen die „Blechkarossen“ im Mit­telpunkt.
Beim Ein­satz von Blech wird aber ein Spek­trum abge­bildet, das allein mit dem me­t­al­le­nen Aus­gangs­ma­te­rial die Band­breite vielfältiger Betä­ti­gungs­felder verknüpft. Türen, Hauben und Kot­flügel wer­den für die Au­to­mo­bilin­dus­trie in­di­vi­du­ell ge­formt und fin­d­en sich in großen und klei­nen Kom­po­nen­ten hun­dert­fach in je­dem Au­to. Der Ein­satzbereich ge­ht aber weit darüber hi­naus und ist na­hezu grenzen­los: Spül­beck­en, Abzugshauben oder der Ko­r­pus von Kühl­geräten ste­hen bei der Haus­gerätein­dus­trie auf der Fer­ti­gungs­liste; Kochtöpfe und Konser­ven, Bade­wan­nen, Gara­gen­tore und Maschi­nen­teile er­fordern präzisen und in­di­vi­du­ellen Ein­satz.
„Maßge­blich­er Ab­satz­markt für die Teile der blechum­for­men­den In­dus­trie ist die Au­to­mo­bil­wirtschaft. Deren Ak­teure ori­en­tieren sich an den Wach­s­tums­märk­ten und sind Schritt­mach­er auch für an­dere Branchen“, heißt es beim in Ha­gen an­säs­si­gen In­dus­trie­ver­band Blechum­for­mung. Der küm­mert sich um seine 230 Ver­bands­mit­glied­er, die meist als Zulie­fer­be­triebe die Mod­el­lviel­falt un­ter­stützen und ge­mein­sam mit ihren Kun­den In­no­va­tion­streiber in der Zulie­fer­kette sind. Elek­tronikin­dus­trie, Maschi­nen­bau, Mediz­in­tech­nik und Land­maschi­nen­bau sind weitere Branchen, in de­nen Bau­grup­pen und um­formtech­nische Pro­dukte nachge­fragt wer­den. Dabei ist der Werkzeug­bau Grund­lage des Um­form­prozess­es, der durchaus im Wan­del ist. Pro­dukte der Blechum­for­mung wer­den auf­grund der be­son­deren Ma­te­rial- und En­ergie­ef­fizienz herkömm­liche Fer­ti­gungsver­fahren ersetzen; auch Pro­dukte der Blechum­for­mung en­twick­eln sich weit­er und er­hal­ten durch Leicht­bau, War­mum­for­mung und Hy­brid-Struk­turen neue Möglichkeit­en und An­wen­dungs­bereiche.
Rein­hold Häken | re­dak­tion@­sued­west­falen-ma­n­ag­er.de

Ausgabe 09/2017



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Herzstück der mechanischen Pressenlinien ist der Servo-Antrieb 
(Foto: Schuler)
Herzstück der mechanischen Pressenlinien ist der Servo-Antrieb (Foto: Schuler)
Werkzeug für die Umformung (Foto: PWO)
Werkzeug für die Umformung (Foto: PWO)
Autokarosserie auf Reisen: Automatisierungsroboter transportierten Teile (Foto: Schuler)
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Hightech zum Umformen (Foto: PWO)
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Blech in Form gebracht (Foto: PWO)
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Teile der Blechumformung (Foto: Schuler)
Teile der Blechumformung (Foto: Schuler)