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Business

Auf Wolke Sieben

Cloud- und SaaS-Lösungen boomen – gerade auch im Mittelstand. In Sachen Digital-Standort Deutschland sieht der Fachverband BITMi allerdings Nachholbedarf.

Bild oben: Die Cloud ist weiterhin ein Top-Thema in der Branche (Foto: © Jakub Jirsák – stock.adobe.com)
Kann sich noch je­mand an die Zeit­en erin­n­ern, als der Be­griff „cloud“ nicht mehr war als das en­glische Wort für Wolke? Das ist längst vor­bei. „Cloud“ hat, ähn­lich wie „twit­tern“, weltweit seine Hauptbe­deu­tung in der IT- und Kom­mu­nika­tion­swelt er­hal­ten. Und die Wolke ist – nach An­sicht von Fach­mann Dr. Oliv­er Grün – weit­er auf Siegeszug. Sie ist ein Top-The­ma der Branche. „Aktuell boo­men Cloud- und SaaS-Lö­sun­gen, al­so ,Soft­ware as a Ser­vice’. Vor allem der Mit­tel­s­tand hat endlich seine Zurück­hal­tung vor der Cloud abgelegt und nutzt die zahl­reichen guten Ange­bote deutsch­er Cloud- und Soft­ware­an­bi­eter“, sagt der Präsi­dent des Bun­desver­bands IT-Mit­tel­s­tand (BIT­Mi). Der Verein mit Sitz in Aachen und Büro in Ber­lin ver­tritt nach ei­ge­nen An­gaben mehr als 1.500 IT-Un­terneh­men und ist damit der „größte IT-Fachver­band für aussch­ließlich mit­tel­ständische In­teressen in Deutsch­land“. Dat­en und Prozesse in die Cloud auszu­lagern, so Grün weit­er, habe gleich mehrere Vorteile: „Ein­er­seits sind Dat­en in einem pro­fes­sionell ge­führten Datenzen­trum meist deut­lich sicher­er als im ei­ge­nen Keller. Die Tech­nik und das Know-how der Hoster sind im­mer auf dem neusten Stand. Das kön­nen Mit­tel­ständler, die sich auf ihr All­t­ags­geschäft konzen­tri­eren, wed­er fi­nanziell noch per­son­ell leis­ten.“ Vor allem in tech­nik­fer­nen Branchen feh­le das Fach­wis­sen. Die Schu­lung von Mi­tar­beit­ern auf den aktuell­sten Stand der Tech­nik sei teuer und aufwendig. „Da loh­nt es sich, auf Ex­perten zurück­zu­greifen“, hebt der Repräsen­tant der Branche die Vorteile von IT-Di­en­stleis­tern her­vor.

Zu­griff an je­dem Ort

Die Cloud ist weiterhin ein Top-Thema in der Branche (Foto: © Jakub Jirsák – stock.adobe.com)
Die Cloud ist weit­er­hin ein Top-The­ma in der Branche (Fo­to: © Jakub Jirsák – stock.adobe.com)
Zu­dem werde das Un­terneh­men durch die Cloud mo­bil­er und flex­i­bler. „Mi­tar­beit­er kön­nen von je­dem Ort auf Dat­en zu­greifen und ge­mein­sam an Prozessen ar­beit­en. In unser­er besch­le­u­nigten Welt ist die Gesch­windigkeit, in der Prozesse ablaufen und kom­mu­niziert wer­den kön­nen, sehr entschei­dend. Und die Cloud bringt damit ei­nen nicht zu ver­nach­läs­si­gen­den Vorteil.“ Nicht zulet­zt, so der BIT­Mi-Präsi­dent, kön­n­ten zusät­zliche Res­sour­cen und Leis­tun­gen je nach Be­darf un­kom­pl­iziert aus der Cloud dazuge­bucht wer­den. Ein Vorteil, der vor allem dem fi­nanzsen­si­blen Mit­tel­s­tand ent­ge­genkomme. So gebe es keine un­genutzten Res­sour­cen oder aber ver­langsamte Ar­beit we­gen feh­len­der Ka­paz­itäten mehr. Die Her­aus­forderung für den Mit­tel­s­tand sie­ht Dr. Oliv­er Grün nun darin, die Tech­nolo­gien der Dig­i­tal­isierung, wie et­wa die Cloud, nicht nur für die Prozes­sop­ti­mierung zu nutzen. „Der wahre Gewinn der dig­i­tal­en Trans­for­ma­tion ist, die ei­ge­nen Geschäfts­mod­elle weit­er- oder neu zu en­twick­eln. Im in­ter­na­tio­nalen Ver­gleich wurde Deutsch­land im B2C-Markt schon abge­hängt. Das darf nun im B2B-Bereich nicht auch passieren.“ De­shalb müsse eine echte dig­i­tale Trans­for­ma­tion „be­herzt ange­gan­gen wer­den“. Das Potenzial scheint auf je­den Fall vorhan­den. Der IT-Mit­tel­s­tand stellt laut Ver­band nicht nur die meis­ten IT-Ar­beit­s­plätze und IT-In­no­va­tio­nen in Deutsch­land. Er könne in ein­er Dop­pel­rolle auch Mul­ti­p­lika­tor der Dig­i­tal­isierung bei sei­nen Kun­den, dem An­wen­der-Mit­tel­s­tand, sein. Mit sei­nen Lö­sun­gen made in Ger­many helfe er dem An­wen­der-Mit­tel­s­tand, sich selbst zu dig­i­tal­isieren, sagt Martin Hub­sch­nei­der, Vizepräsi­dent des BIT­Mi. Diese Ein­schätzung teilt auch der IT-Mit­tel­s­tand selbst: Im IT-Mit­tel­s­tands­barom­e­ter des BIT­Mi stimmten über 80 Prozent der Be­fragten zu, dass das Be­wusst­sein für die Potenziale datengetrieben­er Geschäfts­mod­elle im An­wen­der-Mit­tel­s­tand gestärkt wer­den müsse – und se­hen dort auch ihr ei­genes En­gage­ment ge­fragt.

Dig­i­talmin­is­teri­um ge­fordert


Ge­genüber der Pol­i­tik hat der Ver­band ei­nen Forderungska­t­a­log zusam­mengestellt. Denn um ei­nen dig­i­tal­en Stan­dort Deutsch­land über­haupt erst zu er­möglichen, müsse in dig­i­tale In­fras­truk­tur und dig­i­tale Bil­dung in­vestiert wer­den. „Die Er­sch­ließung auch ländlich­er Räume mit Bre­it­band­in­ter­net ist dafür ein wichtiger Schritt, denn hi­er sitzt oft­mals der Mit­tel­s­tand. Der Bund muss de­shalb er­he­blich in den Aus­bau des Glas­faser­netzes in­vestieren“, fordert Hub­sch­nei­der. Neben ein­er funk­tionieren­den In­fras­truk­tur sei die nötige dig­i­tale Kom­pe­tenz entschei­dend. „Wir setzen uns dafür ein, dass es schon in der Grund­schule das Fach Dig­italkunde gibt. Hi­er kann der Grund­stein für ein tie­fes Ver­ständ­nis dig­i­taler Tech­nolo­gien gelegt und ein Be­wusst­sein für ei­nen sen­si­blen Um­gang mit Dat­en geschaf­fen wer­den“, erk­lärt Dr. Grün. Um die Dig­i­tal­isierung von Wirtschaft und Ge­sellschaft vo­ranzutreiben, müsse die Pol­i­tik in Deutsch­land die Rah­menbe­din­gun­gen an­passen. In einem „er­sten Schrit­t“ fordert der BIT­Mi de­shalb die Ein­rich­tung eines Dig­i­talmin­is­teri­ums. „Entschei­dungskom­pe­tenzen der Netz- und Dig­i­talpol­i­tik sind in den Res­sorts von gleich fünf Min­is­te­rien un­terge­bracht. Da­durch ent­ste­hen ein ho­her Ko­or­d­i­na­tion­saufwand, langsame Entschei­dun­gen und Stre­itigkeit­en um die Zuständigkeit­en der jew­eili­gen Min­is­te­rien. Bei einem so zen­tralen Zukunft­s­the­ma kön­nen wir uns das nicht er­lauben“, mah­nt der BIT­Mi-Präsi­dent.

Viel Nach­holbe­darf


Daneben fordert der BIT­Mi die Erar­bei­tung ver­schie­den­er rechtlich­er Rah­menbe­din­gun­gen und Reg­ulierun­gen, wie ein ein­heitlich­es eu­ropäisch­es Ver­trags­recht, ei­nen freien Markt für nicht-per­so­n­en­be­zo­gene Dat­en und eine mit­tel­s­tands­gerechte Stan­dar­disierungspol­i­tik für In­ter­op­er­a­bil­ität und of­fene Sch­nitt­stellen. Diese „zen­tralen The­men“ spiegel­ten sich laut BIT­Mi auch in dessen Net­zw­erk wider: Über 80 Prozent sprechen sich dem­nach im IT-Mit­tel­s­tands­barom­e­ter für of­fene Stan­dards aus. „Über die Hälfte be­für­worten die Ein­führung eines eu­ropäischen Ver­trags­rechts und die Er­möglichung ein­er Nutzung nicht-per­so­n­en­be­zo­gen­er Dat­en durch Her­steller und Nutz­er.“ Auch im Fi­nanzierungs­bereich sie­ht man „großen Nach­holbe­dar­f“. Denn für IT-Mit­tel­ständler sei es an­gesichts der ho­hen Dy­namik der Branche eine be­son­dere Her­aus­forderung, neue Geschäfts­mod­elle zu fi­nanzieren. „Zusät­zlich konkur­ri­eren sie auf dem in­ter­na­tio­nalen Markt mit IT-Konz­er­nen, die auf ihren Gewinn un­ter ein Prozent Steuern zah­len“, beschreibt Vizepräsi­dent Martin Hub­sch­nei­der die Lage. „De­shalb set­zt der BIT­Mi sich für ein Ge­setz zur Förderung des Ven­ture-Cap­i­tal-Stan­dorts Deutsch­land ein und fordert darüber hi­naus die Eu­ropäische Union auf, Steuer­schlupflöch­er zu sch­ließen, die ei­nen wirk­lichen Wett­be­werb des Mit­tel­s­tands mit Konz­er­nen ver­hin­dern.“

Daniel Boss I re­dak­tion@­sued­west­falen-ma­n­ag­er.de

Ausgabe 04/2017