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Management

Panikmache oder Realität?

Der Klimawandel verstärkt die Wetterextreme schon heute. Für Unternehmer bergen Sturm und Fluten große Risiken, die sich teils diversifizieren und (noch) versichern lassen.

Bild oben: Foto: Shutterstock
Stürme, Ge­wit­ter, Über­sch­wem­mun­gen, Dürre: Für die Men­schen ver­gan­gen­er Zeit­en waren sie ein Werk von Göt­tern und Geis­tern. Es war über­leben­swichtig, solche Ereig­nisse vorherzusa­gen oder ihr Auftreten zu­min­d­est er­ah­nen zu kön­nen. Bis heute ist es eine der großen Her­aus­forderun­gen für die Men­sch­heit, sich ge­gen die Macht der Na­tur zu wapp­nen. Nur so lassen sich Ak­tio­nen und Tätigkeit­en auf die­sem Plan­eten pla­nen. Auch in unser­er mod­er­nen Zeit ist das Wet­ter meis­tens „The­ma Num­mer 1“.
Ob Stürme, Flutka­tas­tro­phen oder Dür­ren: Viele Ex­perten rech­nen damit, dass es in Zukunft in­folge des Kli­mawan­dels mehr ex­treme Wet­ter­ereig­nisse geben wird. Doch auch die fes­ten Teile der Erde kön­n­ten durch die globale Er­wär­mung in Aufruhr ger­at­en, warnt der bri­tische Ge­ologe Bill McGuire.
In seinem 2012 veröf­fentlicht­en Buch „Wak­ing the Gian­t“ besch­wört der Pro­fes­sor vom Uni­ver­si­ty Col­lege Lon­don ein Sze­nario her­auf, in dem der Men­sch durch die unge­brem­ste Emis­sion von Treib­haus­gasen sch­lafende Mon­ster aufweckt. Erd­beben, Vulka­naus­brüche, Han­grutschun­gen un­ter Wass­er und auch Tsu­namis kön­n­ten sich in Teilen der Welt in Zukunft häufen, prog­nos­tiziert McGuire. Eine mas­sive globale Er­wär­mung gab es zulet­zt vor 10.000 bis 12.000 Jahren, am Ende der let­zten Eiszeit.

Kilome­ter­dicke Eisschilde ver­sch­win­den

Foto: Shutterstock
Fo­to: Shut­ter­s­tock

Da­mals spuck­ten die is­ländischen Vulkane fast 50-mal so viel La­va wie sonst. Gleichzeitig kam es in Nor­dameri­ka und Skan­di­navien häu­figer zu Erd­beben, heißt es in dem im März 2012 veröf­fentlicht­en Son­der­bericht des Weltk­li­marates IPCC. Denn mit den kal­ten Tem­per­a­turen ver­sch­wan­den auch die mehrere Kilome­ter dick­en Eisschilde auf der Nord­hal­bkugel. Da­durch verteil­ten sich die Las­ten auf der Erd­kruste neu. Der Meeresspiegel stieg, und weite Küsten­striche ver­sch­wan­den un­ter Wass­er. Auch wurde das Land, das zu­vor un­ter dem Eis­panz­er lag, von sein­er Bürde be­fre­it. „Im Prinzip ver­ringert sich die Seis­miz­ität ein­er Ver­w­er­fung während der Be­las­tung und er­höht sich während der Ent­las­tung“, berichteten Forsch­er um An­drea Ham­pel von der Uni­ver­sität Han­nover 2010 in der Zeitschrift Philosph­i­cal Tran­s­ac­tions of the Roy­al So­ci­e­ty. Im Klar­text heißt das: Wenn ein Eisschild wächst, gibt es weniger Erd­beben. Sch­milzt das Eis, treten mehr Erd­stöße auf, und die Ak­tiv­ität von Vulka­nen wird ver­stärkt.

Ange­passtes Risiko­ma­n­age­ment

Autor Dipl. Ing. Thomas Bär ist Partner und Prokurist bei dem Risikospezialisten und Makler von Industrieversicherungen Carl Jaspers mit Sitz in Köln. Fragen beantwortet er gern unter t.baer@carl-jaspers.de.
Au­tor Di­pl. Ing. Tho­mas Bär ist Part­n­er und Prokurist bei dem Risikospezial­is­ten und Mak­ler von In­dus­triev­er­sicherun­gen Carl Jaspers mit Sitz in Köln. Fra­gen beant­wortet er gern un­ter t.baer@­carl-jaspers.de.


Bevölkerung und Wirtschaft se­hen sich zuneh­mend verän­derten Wet­ter­risiken aus­ge­set­zt. Ein Grund dafür sind in Eu­ro­pa vermehrt auftre­tende per­sis­tente Wet­ter­la­gen mit lang an­hal­ten­der Trock­en­heit oder Nied­er­sch­lä­gen, die zu Dür­ren bzw. Hoch­wass­er an Flüssen führen kön­nen. Daneben stei­gen auch un­wet­terbe­d­ingte Scha­denereig­nisse an. Neben höheren di­rek­ten Schä­den kann dies auch zu er­he­blichen Um­satzein­bußen bei Un­terneh­men führen, die oft nur in­di­rekt von ein­er Na­turka­tas­tro­phe be­trof­fen sind.
Die Zahl von wet­terbe­d­ingten Na­turka­tas­tro­phen, die gravierende per­son­elle und wirtschaftliche Schä­den verur­sacht haben, ist von 1980 bis 2013 weltweit auf et­wa das Drei­fache gestie­gen. Auch die Zahl kon­vek­tiv­er (Ge­wit­ter-) Scha­denereig­nisse in Eu­ro­pa hat sich in die­sem Zei­traum mehr als ver­drei­facht. Es kommt sig­ni­fikant häu­figer zu in­ten­siv­en Som­mer­stür­men mit Hagel. Ein­er der Gründe hi­er­für ist der zuneh­mende Wasserge­halt der At­mo­sphäre. So war der weltweit teuer­ste ver­sicherte Un­wet­ter­scha­den im Jahr 2013 ein Hagel­s­turm in Deutsch­land mit ein­er ver­sicherten Scha­dens­summe von 2,8 Mil­liar­den Eu­ro (Ge­samtscha­den 3,6 Mil­liar­den Eu­ro). Im Ju­ni 2014 verur­sachte der kon­vek­tive Sturm Ela in Deutsch­land, Bel­gien und Lux­em­burg wirtschaftliche Schä­den von 2,3 Mil­liar­den Eu­ro und ver­sicherte Schä­den von 1,8 Mil­liar­den Eu­ro. Der beobachtete Trend zu solchen Wet­ter­mustern verän­dert die Wahrschein­lichkeit sowie die In­ten­sität von Hagel und Sturzf­luten und somit das mögliche Scha­de­naus­maß. Wer den Ries­ling-Wein von Rhein und Mosel liebt, sollte sich als­bald reich­lich damit ein­deck­en. Stark­er Hagel hat im Som­mer 2015 die Reben an Rhein und Mosel stark beschädigt, Ern­teein­bußen von bis zu 60 Prozent waren zu verzeich­nen.

Kli­mawan­del trifft Deutsch­land härter


Der Kli­mawan­del ist längst da, in Deutsch­land so­gar über­durch­sch­nittlich sch­nell. Es dro­hen mehr Wet­terex­treme wie Hitzewellen oder Starkre­gen – und ein im­mens­er wirtschaftlich­er Scha­den.
Klimabe­zo­gene Na­turge­fahren haben zwischen 1970 bis 2014 volk­swirtschaftliche Schä­den von mehr als 90 Mil­liar­den Eu­ro verur­sacht. Die Un­wet­ter sind für ho­he wirtschaftliche Schä­den ve­r­ant­wortlich, aber fol­gende Fak­toren kön­nen die Höhe des möglichen Scha­dens potenzieren:
- Konzen­tra­tion der Pro­duk­tion auf wenige Stan­dorte, da­her ho­he in­terne Ab­hängigkeit­en
- Stei­gende Konzen­tra­tion von Pro­duk­tionsstät­ten neben Flüssen
- sehr sen­si­ble und kom­pl­izierte Lie­fer­ket­ten
- sehr ho­he Wertekonzen­tra­tion von Maschi­nen und An­la­gen auf en­gem Raum
- Nutzung von Kel­lerges­chossen als voll­w­ertige Pro­duk­tions- bzw. Be­trieb­s­räume
- starke Zu­nahme der Flächen­ver­siegelung, da­her stei­gende Ge­fahr der Über­f­lu­tung durch Ober­flächen­wass­er
- ho­he Über­f­lu­tungsspitzen und kurze Vor­warnzeit­en durch Ein­deichung von Gewässern
- man­gel­nde In­s­tand­hal­tung von Deichen
- IT Serv­er in Kel­lerges­chossen sind durch Über­f­lu­tung be­son­ders ge­fährdet
- Flach­dach­be­fes­ti­gun­gen hal­ten den starken Abliftkräften bei ho­hen Windgesch­windigkeit­en nicht Stand
- man­gel­nde In­s­tand­hal­tung der Dach­abläufe führt zum Ge­bäudekol­laps
- Über­las­tung und man­gel­nde In­s­tand­hal­tung von Ab­wasser­sys­te­men
- Zu- und Ab­fahrts­be­hin­derun­gen beein­trächti­gen das „Lo­gis­tikuhr­w­erk“

Wis­sen­schaftlich belegt ist, dass von 1881 bis 2014 die Tem­per­a­turen – über Deutsch­land gemit­telt – deut­lich angestie­gen sind, und zwar im Jahres­durch­sch­nitt um 1,3 Grad Cel­sius. Damit hat sich Deutsch­land stärk­er er­wärmt als die Erde im Durch­sch­nitt. Die wärm­sten Jahre hi­erzu­lande zwischen 1881 und 2014 waren 2000, 2007 und 2014. Vorher­sa­gen bis zum Ende des Jahrhun­derts zei­gen ei­nen noch stärk­eren Er­wär­mungstrend: Hal­ten die ge­gen­wärti­gen, ho­hen Emis­sio­nen kli­maschädlich­er Treib­haus­gase wie Koh­len­dioxid an, kön­nte es hi­erzu­lande im Jahres­durch­sch­nitt zwischen 3,2 und 4,6 Grad Cel­sius wärmer wer­den. Damit ge­ht ein­her, dass frostige Win­ter mit viel Sch­nee im­mer sel­ten­er wer­den, vor allem im Flach­land. Zuneh­men dürften im Win­ter hinge­gen ex­tre­mer Starkre­gen und auch Hagelsch­lag. Über der Nord­see und Nord­west­deutsch­land dürften ab Mitte des 21. Jahrhun­derts noch mehr Stürme to­ben.
Un­ter dem Strich neh­men die Ex­treme zu, wir müssen mit stärk­eren Wet­ter­ereig­nis­sen wie Stür­men, Hagelsch­lag und Dürre rech­nen, und auch mit solchen, die bei uns bis heute eher sel­ten auftreten, z. B. Tor­na­dos.

Wie Un­terneh­mer vor­beu­gen kön­nen


Eine der er­sten Maß­nah­men ist die Risiko­a­nal­yse der Ex­ponierung der Stan­dorte des Un­terneh­mens. Diese be­trachtet un­ter an­derem die fol­gen­den Punkte:
- Her­anzie­hen des an­erkan­n­ten „Zonierungssys­tems für Über­sch­wem­mung, Rück­s­tau und Starkre­gen“ (ZÜRS) zur Anal­yse des Über­sch­wem­mungspotenzials durch an­grenzende Gewäss­er, wobei die Vor­warnzeit eine entschei­dende Rolle spielt (Rhein­hoch­wass­er vs. Ge­birgs­bach)
- tech­nisch­er Zu­s­tand von Deichan­la­gen (Be­wuchs, Höh­len­bau durch Tiere etc.)
- Über­sch­wem­mungspotenzial durch Ober­flächen­wass­er
- In­s­tand­hal­tungszu­s­tand und Aus­las­tung von Abfluss- und Drai­nagesys­te­men
- Risikopotenzial Hagel (Ober­lichter, Dachdeck­ung, Wärme­tausch­er, Lagerung im Freien etc.)
- Reini­gungs­in­ter­valle der Re­gen­abflüsse der Däch­er
- Ein funk­tionieren­der Not­fall­plan kann den Über­f­lu­tungsscha­den um den Fak­tor 8 re­duzieren. Dies­er um­fasst die Festle­gung von or­gan­isa­torischen und tech­nischen Maß­nah­men: Ve­r­ant­wortlichkeit­en, Warn­stufen, Be­nachrich­ti­gungs- und In­for­ma­tions­ket­ten, Flutwände, Sand­säcke, Ga­bel­s­ta­pler, Ver­füg­barkeit­s­pläne, Vorverträge mit Ser­vice­fir­men, die im Not­fall Sch­lüs­sel­maschi­nen ver­lagern etc.
- Be­fes­ti­gung der Däch­er: Die Abliftkräfte sind an den Eck­en und Rän­dern eines Dach­es bis zu 160% höher als in der Mitte des Dach­es!
- Welche Maschi­nen, An­la­gen oder Ge­bäude­teile dür­fen auf kei­nen Fall ver­loren ge­hen? Ret­tungs­plan er­stellen
- Wo ist evtl. Not­strom sin­n­voll?
- Train­ing der Mi­tar­beit­er für den Not­fall
- Klare Ve­r­ant­wortlichkeit­en, klare Kom­mu­nika­tion­swege

Das ober­ste Ziel aller Maß­nah­men muss sein: Das Wass­er, den Sturm, den Sch­nee, den Hagel nicht in das Ge­bäude lassen! Wenn man das schafft, hat man bei allem Unglück ge­won­nen.
Schä­den durch Na­tur­ereig­nisse kön­nen am besten ver­mie­den wer­den, wenn das ge­samte Aus­maß der Ge­fähr­dung analysiert ist und die möglichen Konse­quenzen für den einzel­nen Stan­dort bzw. das Un­terneh­men dem Ma­n­age­ment bekan­nt sind. Nur mit fundierten In­for­ma­tio­nen ist das Ma­n­age­ment in der Lage, or­gan­isa­torische, tech­nische und auch ver­sicherung­stech­nische Maß­nah­men zu au­torisieren, die die Wertschöp­fungs­kette des Un­terneh­mens schützen.

Ausgabe 07/2017