Schließen TEILEN MIT...

RANKINGS
Schließen
Schließen
Business

Oberfläche schafft langes Leben

Moderne Technik kommt ohne Oberflächenveredlung nicht mehr aus: Die Oberflächentechnik ist eine der am dynamischsten wachsenden Branchen.

Bild oben: Projektbeteiligte begutachteten die erste feuerverzinkte Stahl-Verbund-Brücke Deutschlands an der A44 (Foto: Forschungsvereinigung Stahlanwendung)
Mit lediglich einem Kilo­gramm Zink wird eine Tonne Schrauben ge­gen Ko­r­ro­sion geschützt. Ganze 0,1 Gramm Gold wer­den benötigt, um 5.000 elek­tronische Kon­takte zu beschicht­en und dauer­haft zu schützen. Kein Au­to ver­lässt mehr das Band, bei dem nicht wesentliche Teile ober­flächen­vere­delt sind. Die mod­erne Mediz­in­tech­nik ist ohne Ver­fahren der Ober­flächen­tech­nik nicht denk­bar, auch die Bauwirtschaft und die Sanitärin­dus­trie, die Elek­trotech­nik und die Elek­tronikin­dus­trie sowie die Luft- und Raum­fahrtin­dus­trie kom­men ohne Ober­flächen­vered­lung nicht aus.
Ober­flächen­tech­nik ist eine der am dy­namisch­sten wach­sen­den Branchen: Pro­dukte und Ge­gen­stände unseres All­t­ags müssen heute nicht nur „funk­tionieren“, sie müssen an­genehm in Form und Hand­habung und zu­gleich lan­gle­big sein. Viele Massen­w­erk­stoffe wie Stahl, Mess­ing, Alu­mini­um, Zink-Druck­guss oder Kun­st­stoff ent­sprechen die­sen An­forderun­gen grund­sät­zlich nicht. Erst durch eine oft nur wenige tausend­s­tel Mil­lime­ter dünne Ober­fläche aus Kupfer, Nick­el, Chrom, Zink, Zinn, Sil­ber, Gold oder Lack ent­ste­hen aus un­edlen Grund­w­erk­stof­fen hoch­w­ertige, lan­gle­bige und/oder äs­thetisch an­mu­tende Pro­dukte. Im­mer dabei im Blick: Die Ober­fläche, die durch an­erkan­nte und viel­fach er­probte Tech­niken langes Leben garan­tiert. Gal­vanisieren, Feuerverzinken und Lackieren, Wärme­be­hand­lung und Härtetech­nik sind solche Ober­flächen­tech­niken, aber auch das Plas­ti­fizieren, Email­lieren sowie Härten und Sch­wab­beln zählen dazu. Feuerverzinken wird seit mehr als 150 Jahren ange­wandt. Aber erst in den let­zten Jahrzeh­n­ten en­twick­elte es sich zu einem der be­deu­tend­sten Ober­flächen­schutz- bzw. Ko­r­ro­sionsschutzver­fahren. Auch die Gal­van­otech­nik, ein tech­nisch­es Ver­fahren zur Beschich­tung von Ober­flächen mit Hilfe des elek­trischen Stroms, hat ihren Ur­sprung bere­its im 18. Jahrhun­dert.

Mit­tel­ständisch geprägt

Projektbeteiligte begutachteten die erste feuerverzinkte Stahl-Verbund-Brücke Deutschlands an der A44 (Foto: Forschungsvereinigung Stahlanwendung)
Pro­jekt­beteiligte begu­tachteten die er­ste feuerverzinkte Stahl-Ver­bund-Brücke Deutsch­lands an der A44 (Fo­to: Forschungsvereini­gung Stah­lan­wen­dung)

Die Gal­vano- und Ober­flächen­tech­nik stellt eine der tra­di­tionell mit­tel­ständisch geprägten In­dus­trie­branchen in Deutsch­land dar. Hi­er sind rund 800 Be­triebe tätig, mit ins­ge­samt 50.000 Beschäftigten wurde 2015 ein Um­satz von 7,5 Mil­liar­den Eu­ro erzielt. Die In­dus­triekred­it­bank er­rech­net für die ge­samte Ober­flächen­tech­nik ei­nen Um­satz von rund 17,5 Mil­liar­den Eu­ro. Damit ist Deutsch­land das führende Land für Ober­flächen­tech­nik in der Eu­ropäischen Union. Wichtig­ste Kun­den­gruppe ist un­verän­dert die Au­to­mo­bilin­dus­trie, die cir­ca 40 Prozent der ge­samten Leis­tun­gen in An­spruch nimmt. Weitere wichtige Ab­neh­mer­grup­pen sind der Maschi­nen­bau, die Bauin­dus­trie, die Mediz­in­tech­nik sowie die Luft- und Raum­fahrt­tech­nik. Daneben bean­spruchen aber auch die Elek­trotech­nik, die Ver­pack­ungsin­dus­trie oder die (Tele-)Kom­mu­nika­tions- und Verkehrsin­dus­trie diese Tech­nolo­gien. Zu den am häu­fig­sten einge­set­zten Beschich­tungs­me­t­allen ge­hören Zink und Zin­k­legierun­gen, auf die wert­be­zo­gen rund 40 Prozent aller gal­vanischen Beschich­tun­gen ent­fall­en, ge­fol­gt von Kupfer-, Nick­el-, Chrom-, Zinn- und Edel­me­t­all-Ober­flächen. Zuneh­mend wer­den auch Legierun­gen dies­er Me­t­alle einge­set­zt.

Mehr­w­ert durch Ver­wen­dung

Oberfläche bietet Schutz (Foto: © Starpics – stock.adobe.com)
Ober­fläche bi­etet Schutz (Fo­to: © Star­pics – stock.adobe.com)


Wie bei den gal­vanischen und den Ver­fahren des Feuerverzinkens fällt auch bei der Lackin­dus­trie der Mehr­w­ert, der durch die Ver­wen­dung der Pro­dukte generi­ert wird, um ein Viel­fach­es höher aus als der Um­satz der Branche: So wer­den durch Beschich­tun­gen et­wa die Karosse­rien von 60 Mil­lio­nen Au­tos geschützt. Auf rund 360 Mil­lio­nen Qua­drat­me­tern Fas­sa­den­fläche er­möglichen Fas­sa­den­far­ben in­di­vi­du­elle Far­bges­tal­tun­gen, deutsch­land­weit wer­den 120.000 Brück­en vor Ko­r­ro­sion und Ver­fall be­wahrt. Auch in Sachen Ar­beit­s­plätze ist die Lackin­dus­trie kein un­wesentlich­er Mul­ti­p­lika­tor. Neben den 25.000 in der Branche Beschäftigten ar­beit­en gut 195.000 Maler und Lackier­er sowie 180.000 Beschäftigte in Schreinereien mit Beschich­tungs­ma­te­rialien. Ins­ge­samt gibt es in Deutsch­land et­wa 250 Lack- und Far­ben­fab­riken mit rund 25.000 Beschäftigten, die 2,6 Mil­lio­nen Ton­nen Lacke und Far­ben pro­duzieren und damit ei­nen Branchenum­satz von mehr als acht Mil­liar­den Eu­ro erzielen. Von den pro­duzierten 2,6 Mil­lio­nen Ton­nen wer­den 1,76 Mil­lio­nen Ton­nen in Deutsch­land ve­rar­beit­et und zum großen Teil an in­dus­trielle Ab­neh­mer verkauft. „Eine Ur­sache für die gute En­twick­lung ist der in­di­rekte Ex­port, beispiel­sweise in der Au­toin­dus­trie oder im Maschi­nen­bau“, erk­lärt Dr. Martin En­gel­mann, Haupt­geschäfts­führ­er des Ver­ban­des der deutschen Lack- und Druck­far­benin­dus­trie. Von den 5,7 Mil­lio­nen Pkw, die 2016 in Deutsch­land hergestellt wur­den, gin­gen 4,4 Mil­lio­nen in den Ex­port. Die an­hal­tend große Be­liebtheit deutsch­er Au­tos hat bei den Au­tose­rien­lack­en zu einem Plus von zwei Prozent ge­führt und die gestie­ge­nen Ex­porte bei Maschi­nen und An­la­gen haben ei­nen leicht­en Zuwachs der Verkäufe von Lack­en für den Maschi­nen­bau be­wirkt.

Zukunfts-Tech­nolo­gien


Eine Son­der­stel­lung un­ter den In­dus­trielack­en nimmt der Markt für Ko­r­ro­sionsschutz-Beschich­tungsstoffe ein. Eisen und Stahl sind tech­nisch her­vor­ra­gende Bau­ma­te­rialien, die flex­i­ble Kon­struk­tio­nen für vielfältige Ein­satz­zwecke er­möglichen. Stahl­bauw­erke wie Brück­en, Trag­w­erke und Mas­ten, Kraftw­erke, Rohr­lei­tun­gen und An­la­gen sind allerd­ings viel­er­lei Umwel­te­in­flüssen aus­ge­set­zt. „Rost­fraß ver­nichtet weltweit pro Sekunde et­wa fünf Ton­nen Stahl; in Deutsch­land verur­sacht Ko­r­ro­sion jähr­lich ei­nen ge­samtwirtschaftlichen Scha­den von rund 90 Mil­liar­den Eu­ro“, er­läutert En­gel­mann die zuneh­mende Rel­e­vanz von Ko­r­ro­sions- und Beschich­tungsstof­fen. Neue En­twick­lun­gen sind auch kratzfeste Lacke für die Au­to­mo­bilin­dus­trie, aber auch spezielle Lacke, die an Flugzeugteilen, dem ICE oder an Brück­en Alarmsig­nale aus­lösen, wenn es zu ein­er Ma­te­rialer­mü­dung kommt oder mech­anische Span­nun­gen auftreten. Zu den großen Vi­sio­nen, an de­nen die deutschen Lack­forsch­er mit Hoch­druck ar­beit­en, zählt die Gewin­nung von En­ergie aus Son­nen­licht über spezielle Lackbeschich­tun­gen an Wän­den, Fas­sa­den und auf Däch­ern. Ober­fläche schützt auch vor Sch­mutz. Das Vor­bild hi­er­für stammt aus der Na­tur. Die Blät­ter viel­er Pflanzen sind wasser­ab­weisend, be­son­ders bei der Lo­tus-Pflanze kann man beobacht­en, wie das Wass­er von der Ober­fläche abperlt. Bi­olo­gen der Uni­ver­sität Bonn ent­deck­ten, dass diese Ober­flächen nicht nur un­benetzbar, son­dern auch na­hezu un­ver­sch­mutzbar sind, denn mit dem Wass­er perlt auch der Sch­mutz von der Ober­fläche ab. Mit Hilfe der Nan­otech­nolo­gie wer­den hauchdünne mikro­raue Ober­flächenbeschich­tun­gen auf Werk­stoffe aufge­tra­gen, die der Ober­fläche von Lo­tus­blät­tern nachgeahmt sind und u.a. für Fas­sa­den einge­set­zt wer­den.

Rein­hold Häken | re­dak­tion@­sued­west­falen-ma­n­ag­er.de

Ausgabe 06/2017



WEITERE INHALTE

Oberflächentechnik gibt Schrauben lange Haltbarkeit (Foto: © Roostler – stock.adobe.com)
Oberflächentechnik gibt Schrauben lange Haltbarkeit (Foto: © Roostler – stock.adobe.com)
Korrosionsschutz durch Verzinken (Foto: © Josef – stock.adobe.com)
Korrosionsschutz durch Verzinken (Foto: © Josef – stock.adobe.com)