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Management

(R)Evolution auf dem Bau

Kaum ein Industriezweig ist bei der Digitalisierung so unterentwickelt wie die Bauwirtschaft. Schon kleine Schritte können ihre Produktivität erhöhen.

Bild oben: Baubesprechung im IELab Foto: Bernd Müller
Ein 3D-Druck­er zie­ht in zwei Ta­gen ein dreistöckiges Haus aus Spezialze­ment hoch; ein auf einem Truck mon­tiert­er Robot­er mauert in zwei Ta­gen ein kleines Haus. Die Au­to­ma­tisierung auf dem Bau ist weit fort­geschrit­ten, kön­nte man mei­nen. Doch diese Beispiele aus Chi­na und aus Aus­tralien bil­den eher Leucht­türme in ein­er trä­gen, wenig in­no­va­tiv­en Branche.

Un­pro­duk­tive Branche

Baubesprechung im IELab Foto: Bernd Müller
Baube­sprechung im IE­Lab Fo­to: Bernd Müller

Mehr Ef­fizienz durch dig­i­tale Prozesse täte ger­ade dem Bauwe­sen gut. Nur rund 30 Prozent sein­er Ar­beit­szeit wid­met ein Bauar­beit­er sein­er Haupt­tätigkeit. 70 Prozent ge­hen drauf für Wege und Tran­s­porte, fürs Auf- und Um­räu­men und für die Suche nach Ma­te­rial oder Gerät, kri­tisiert die Studie „Dig­i­tal­isierung der Bauwirtschaft“ von Ro­land Berg­er. Wurde die ge­samte deutsche Wirtschaft in den ver­gan­ge­nen zehn Jahren um elf Prozent ef­fek­tiv­er, so schaffte das Bauwe­sen nur magere 4,1 Prozent. Das ist in vielen Län­dern so: Typische kap­i­tal­in­ten­sive Pro­jekte lie­gen in­ter­na­tio­n­al zu 20 Prozent über dem Zeit- und zu 80 Prozent über dem Kosten­rah­men, fand McKinsey her­aus.

Ma­n­age­ment-Meth­ode „BIM“

Fachsimpeln im virtuellen Gebäude Foto: Ludmilla Parsyak
Fach­sim­peln im virtuellen Ge­bäude Fo­to: Lud­mil­la Parsyak


„Build­ing In­for­ma­tion Mod­el­ing“ (BIM) kön­nte das än­dern. Diese Meth­ode für Pla­nung, Bau und Be­wirtschaf­tung von Baupro­jek­ten hat sich aus der CAD-Tech­nik für das rech­n­ergestützte Kon­struieren en­twick­elt. „BIM er­laubt es, Feh­ler in der Pla­nung viel früher zu iden­ti­fizieren – nicht erst auf der Baustelle, wenn man fest­stellt, dass der Aufzugsschacht durch ei­nen Ein­gabe­feh­ler zwei Me­ter zu bre­it ger­at­en ist“, erk­lärt Gun­ther Wölfle, der Geschäfts­führ­er des deutschen Chapters von build­ingS­MART. Der Ver­band fördert die Dig­i­tal­isierung im Bauwe­sen durch Stan­dar­disierung, Net­zw­erke und Öf­fentlichkeit­sar­beit. „Ar­chitekt, Trag­w­erk­s­plan­er und Plan­er der tech­nischen Ge­bäudeaus­rüs­tung ste­hen viel früher mitei­nan­der in Kon­takt. Spezial­pro­gramme über­prüfen alle Teilleis­tun­gen im Baupro­jekt auf ‚Kol­li­sio­nen‘ – mit Pa­pier­plä­nen an­gesichts der Fülle tech­nisch­er De­tails ein Ding der Un­möglichkeit.“ Der Nutzen nach dem Bau ist so­gar am größten, glaubt Wölfle. „Nutz­er und Be­treiber eines Bauw­erks kön­nen et­wa fürs Fa­cil­i­ty Ma­n­age­ment für 30 oder 100 Jahre mit den Dat­en ar­beit­en.“

Schub aus NRW


Neben dem Bun­desverkehrs­min­is­teri­um will auch die neue Lan­des­regierung in Nor­drhein-West­falen das BIM für Ver­gaben des Bau- und Lie­gen­schafts­be­triebs und von Straßen.NRW ab 2020 vorschreiben – vielleicht ein Schub für die Branche. Bish­er ist sie von ein­er durchgängi­gen dig­i­tal­en Prozess­kette weit ent­fer­nt, be­sagt eine Studie des Fraun­hofer-In­sti­tuts für Ar­beitswirtschaft und Or­gan­i­sa­tion IAO. Heute, so die Ein­schätzung von Gun­ther Wölfle, läuft es viel­fach noch so: „Zwischen Bauin­ge­nieur­büros und Ar­chitek­ten­büros wer­den Faxe mit hochkom­plex­en An­gaben über einzubauende Türen hin- und herge­faxt. Im Empfänger­büro ist nie­mand in der Lage, sie ef­fizient – al­so dig­i­tal – weit­erzu­verar­beit­en.“ Kein Wun­der auch, dass laut Ro­land Berg­er nur 20 Prozent der Leute auf dem Bau Zu­gang zu einem Tablet-Com­put­er haben.

Kaum Glob­al­isierungs­druck im Bauwe­sen

Günter Wenzel, Kompetenzcenter Virtual Environments am Fraunhofer-Institut IAO
Gün­ter Wenzel, Kom­pe­ten­z­cen­ter Vir­tu­al En­vi­ron­ments am Fraun­hofer-In­sti­tut IAO

„Die Mey­er Werft schafft es, rie­sige Kreuz­fahrtschiffe im Kosten­rah­men zu bauen und auf den Tag ge­nau abzulie­fern – ohne dass diese sch­wim­men­den Ho­tels an­sch­ließend un­terge­hen“, meint Wölfle. „Auch die Maschi­nen­bauer und Au­to­bauer sind weit­er als die Bauwirtschaft, die es im Grunde mit ein­facheren Auf­gaben zu tun hat. Im In­dus­trie­bau oder Woh­nungs­bau kön­nen wir uns von an­deren Branchen eine Scheibe ab­sch­nei­den.“ Das Bauwe­sen ken­nt et­wa im Ver­gleich zum Maschi­nen­bau kaum Glob­al­isierungs­druck – hi­erin liegt der Grund für seine geringe Pro­duk­tiv­ität, glaubt Si­grid Brell-Cok­can, Pro­fes­sorin für In­di­vi­d­u­al­isierte Baupro­duk­tion an der RWTH Aachen.
In Deutsch­land zei­gen einige Pro­jekte, wo­hin es ge­hen kön­nte: zum Beispiel in Braun­sch­weig das Ge­bäude der VW Fi­nan­cial Ser­vices. High­light des BIM-Prozess­es: Baube­sprechun­gen im virtuell pro­jizierten Ge­bäude (sie­he In­ter­view). Und im Ruhrge­bi­et nähert sich eines der größten Tun­nelvor­trieb­spro­jekte weltweit sein­er Vol­len­dung: Zur Re­na­turierung der Em­sch­er soll ihre Sch­mutzfracht un­terirdisch in Rohren abfließen – ein BIM-Pro­jekt.

Kleine Schritte ge­hen


Markus König, Pro­fes­sor für In­for­matik im Bauwe­sen an der Ruhr-Uni­ver­sität in Bochum, rät der Branche, ein­fach mit BIM anz­u­fan­gen: „Ge­hen Sie diese Ar­beit­sprozesse in klei­nen Schrit­ten an.“ Da in Deutsch­land viel­fach kleine Büros die Pla­nun­gen machen, sind hi­er Wider­stände ge­genüber einem so um­fassen­den Change­m­a­n­age­ment zu spüren. Weil der Auf­tragge­ber für das Braun­sch­weiger VW-Pro­jekt es so wollte, hat sich das Ar­chitek­ten­büro trotz Skep­sis auf BIM ein­ge­lassen und los­gelegt – und war hin­ter­her wie alle Pro­jekt­beteiligten voll des Lobes. Gun­ther Wölfle ist überzeugt: „Ef­fizien­zsteigerun­gen sind auch schon im Zwei­mann­büro möglich. Es ge­ht darum, Prozesse zu op­ti­mieren. Das Haus aus dem 3D-Druck­er ist in den näch­sten zehn Jahren in Deutsch­land nicht prak­tisch rel­e­vant. Wir müssen erst an­dere Hausar­beit­en erledi­gen.“ Seine Hoff­nung: Weil Plan­er sich früher zusam­mensetzen, kön­nte Bauen wied­er viel mehr Tea­mar­beit
wer­den. Claas Möller | re­dak­tion@­sued­west­falen-ma­n­ag­er.de

Ausgabe 06/2017