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Management

Digitalisierung

Fintech erobert den Finanzsektor.

„Wo es um große Sum­men ge­ht, ist es rat­sam, nie­man­dem zu trauen“, mah­nte bere­its Krimi­au­torin Agatha Christie ihre Les­er. Und wer kann es dem deutschen Mit­tel­s­tand schon verü­beln, wenn er an­gesichts der Fi­nanzkrise von 2008 sein Ver­trauen in die Banken ver­loren hat. Doch Obacht, denn wie aus der Asche er­hebt sich mit der Fi­nanztech­nolo­gie, kurz Fin­tech ge­nan­nt, ein neuer Phoenix, ein­er, der von Fi­nanz­ex­perten ge­feiert und von klas­sischen Banken ge­fürchtet wird. Eine jen­er dis­rup­tiv­en Geschäfts­mod­elle, die das Zeug dazu haben, eine ganze Branche auf den Kopf zu stellen. Ganz in die­sem Sinne war die Fi­nanzkrise damit auch gleichzeitig die Ge­burtss­tunde der Fin­techs. Doch was ist Fin­tech ge­nau?

Die vi­er Stand­beine des Fin­tech


Fin­tech ist ein Sam­mel­be­griff, un­ter den alle mod­er­nen dig­i­tal­en In­no­va­tio­nen rund um Fi­nanz­di­en­stleis­tun­gen fall­en. Mit der fortschrei­t­en­den Dig­i­tal­isierung und der damit ver­bun­de­nen Weit­er­en­twick­lung von Smart­phones oder Tablets, dem vere­in­facht­en und sch­nellen Zu­gang zum In­ter­net via WLAN, LTE oder 4G sowie der In­no­va­tion von Mo­bile Pay­ment ge­nießt Fin­tech die zuneh­mende Aufmerk­samkeit der Öf­fentlichkeit, In­ve­s­toren und Un­terneh­men. Fin­tech verteilt sich auf viele ver­schie­dene Bereiche des Bankensek­tors. Man kann Fin­tech dabei grund­sät­zlich in die fol­gen­den vi­er Kern­bereiche glied­ern: Pay­ment und Zah­lungsverkehr, Per­sön­lich­es Fi­nanz-Ma­n­age­ment (PFM), Trad­ing- und Be­r­a­tungs­platt­for­men für Ver­mö­gen­san­la­gen sowie neue An­sätze zur Fi­nanzierung und Kred­itver­gabe. Let­ztere machen den größten An­teil der Fin­tech-An­bi­eter aus und richt­en sich vor allem an pri­vate An­leger und Kred­it­neh­mer, aber auch an Fir­menkun­den, welche auf die­sem Weg ein Un­terneh­mens-Dar­le­hen, z.B. zum An­schub eines Start-ups, nutzen möcht­en. Fin­tech er­möglicht dabei auch Per­so­n­en mit ein­er schwachen Bonität, die kei­nen Kred­it bei einem klas­sischen Kreditin­sti­tut er­hal­ten wür­den, via Peer-to-Peer Kredite in An­spruch zu neh­men. Peer-to-Peer-Kredite sind dabei Dar­le­hen, die di­rekt von Pri­vat­per­so­n­en an Pri­vat­per­so­n­en vergeben wer­den, ohne dass eine Bank als Ver­mittler agiert. Fin­tech bi­etet dabei lediglich die Platt­form zur Ab­wick­lung der Fi­nanz­tran­sak­tion. An­bi­eter wie die en­glische iBondis oder die Ber­lin­er Len­di­co bi­eten zu­dem so­gar klei­nen und mit­tel­ständischen Un­terneh­men an, am Sys­tem Peer-to-Peer als Kred­it­neh­mer zu par­tizipieren. Der zweit­größte Tätigkeits­bereich der Fin­tech ist Pay­ment und Zah­lungsverkehr, ge­fol­gt von PFM. Stu­di­en zu­folge haben die ange­bote­nen Zah­lungsarten in einem On­line-Shop ei­nen sig­ni­fikan­ten Ein­fluss auf dessen Er­folg. Ist die Ab­wick­lung an der virtuellen Kasse zu kom­pl­iziert, dann brechen Käufer nicht sel­ten den ganzen Einkauf ab. Auch führt die stei­gende An­zahl an im In­ter­net getätigten Geschäfts­ab­sch­lüssen zu neuen Bezahl­mod­ellen und zu ein­er Nach­frage an ein­facher­er Ab­wick­lung bei gerin­gen Tran­sak­tion­skosten. In diese Nische ist bere­its 1998 da­sUS- amerikanische Un­terneh­men Pay­Pal einge­drun­gen. Pay­Pal ist heute das weltweit ver­breit­et­ste On­line-Bezah­lver­fahren und in Deutsch­land mit­tel­weile als Zah­lungsart neben Banküber­wei­sung, Kauf auf Rech­nung oder Kred­itkarte zu fin­d­en. Jed­er Fünfte nutzt das Bezahl­sys­tem beim On­line-Kauf. Auch Skrill, Pay­di­rekt oder Fin­Tec­Sys­tems bi­eten On­line-Pay­ment-Ver­fahren an und ge­nießen dabei be­son­ders bei jun­gen und unge­bilde­ten Käufern mehr Ver­trauen als Haus­banken. Ein weit­er­er Fin­tech-Zweig ist der Robo-Ad­vi­sor. Hier­bei han­delt es sich um Al­go­rith­mus-basiertes Port­fo­lio-Ma­n­age­ment, bei dem der Men­sch nicht mehr ein­greift. Es gibt zwei Arten von Robo-Ad­vi­sors: Die ei­nen beschäfti­gen sich mit der Kom­plettver­wal­tung von An­la­gen, die an­deren bi­eten Be­r­a­tungs­soft­ware, welche Kun­den mit­tels ein­er On­line-Platt­form helfen, die für sie geeignete An­lages­trate­gie zu fin­d­en. Der Vorteil bei Robo-Ad­vi­sor liegt in ein­er breit­en Streu­ung des Port­fo­lios, was das An­lagerisiko min­imiert, in der trans­par­en­ten Kosten­struk­tur sowie einem nie­dri­gen Min­des­tan­lage­be­trag, der oft bei 1.000 Eu­ro liegt. Im Ver­gleich zu an­gel­säch­sischen Re­gio­nen ist in Deutsch­land der Robo-Ad­vi­sor-Markt noch über­schaubar. An­bi­eter wie die Münch­n­er Easy­fo­lio, die Frank­furter Vaa­mo oder die Ber­lin­er Growney be­herrschen derzeit den hie­si­gen Markt. Das PFM als viertes Stand­bein des Fin­tech bi­etet im Bereich des On­line-Bank­ing er­weit­erte, hoch au­to­ma­tisierte und web­basierte Werkzeuge, welche sich durch eine in­no­va­tive Be­di­e­nung auszeich­nen. Sie un­ter­stützen Kun­den bei der Ver­wal­tung und Kon­trolle ihr­er Fi­nanzen durch gra­fische Ausw­er­tung, Kat­e­gorisierung von Buchun­gen oder Zusam­men­führung von mehr­eren Bankkon­ten und sind so eine gute Möglichkeit zur Kun­den­bin­dung. Im Bereich des PFM über­wiegt in Deutsch­land das B2B-Geschäft, was heißt, dass Banken mit Fin­tech-Un­terneh­men kooperi­eren. So ar­beit­et die Deutsche Bank mit dem Ham­burg­er Start-up Fi­go zusam­men.

Der Fin­tech-Markt


So weit zum In­halt. Doch welchen Markt hat Fin­tech? Heutzu­tage gibt es laut ein­er Studie der Un­terneh­mens- und Strate­gie­ber­a­tung McKinsey & Com­pany aus dem März 2016 weltweit geschätzt rund 12.000 Fin­tech-Start-ups. Das globale In­vesti­tionsvol­u­men in Fin­tech be­trug laut ein­er Ac­cen­ture-Studie vom Mai 2016 rund 22,2 Mil­liar­den Dol­lar in 2015. Dies ent­sprach einem Wach­s­tum von 75 Prozent im Ver­gleich zum Vor­jahr. Zu die­sem ras­an­ten An­stieg haben vor allem asi­atische und eu­ropäische Märkte beige­tra­gen, wo sich die In­vesti­tio­nen in 2015 vervier­facht bzw. ver­dop­pelt haben. Im nor­damerikanischen Markt hat sich dage­gen das Wach­s­tum mit stolzen 44 Prozent ver­langsamt, auch wenn dies­er Markt nach wie vor im Um­satz und in den getätigten Tran­sak­tio­nen spitze ist. In Deutsch­land konzen­tri­eren sich et­wa 400 Fin­techs in Ber­lin, Frank­furt am Main, Ham­burg sowie dem Großraum Düs­sel­dorf-Köln. Das Ge­samt­tran­sak­tionsvol­u­men im laufen­d­en Jahr wird dabei laut Statis­ta auf über 91 Mil­lio­nen Eu­ro geschätzt. Die­s­es sollte laut Prog­nosen in den näch­sten vi­er Jahren auf rund 156 Mil­lio­nen stei­gen. Dabei wird der An­teil Busi­ness Fi­nance von 345 Mil­lio­nen auf knapp 14 Mil­liar­den Eu­ro stei­gen.

Fin­techs als neue Part­n­er im Bankgeschäft


Die Fin­techs vere­in­fachen das Bankgeschäft, sind in­no­va­tiv und wis­sen vor allem, was Kun­den in der dig­i­tal­en Welt wün­schen. Zusät­zliche Tools, wie z.B. Aus­gabe­n­a­nal­yse, Kon­to-Alarm oder vere­in­fachte Über­wei­sung, kön­nen ger­ade für jün­gere, dig­i­ta­laffine Kun­den ei­nen Aussch­lag zu­gun­sten der Fin­techs geben. Doch sind da­durch die klas­sischen Bankin­sti­tute wirk­lich ge­fährdet? Fin­techs wer­den nicht um­sonst als dis­rup­tive Geschäfts­mod­elle ange­se­hen und stellen mit ihren in­no­va­tiv­en Ideen eine reale Ge­fahr für etablierte Banken dar. Der zuneh­mende Wett­be­werb mit Fin­techs stellt Banken vor große Her­aus­forderun­gen. Doch wie in einem dis­rup­tiv­en Markt üblich, wird sich hi­er nicht jed­er An­bi­eter langfristig am Markt hal­ten kön­nen. Die Fluk­tu­a­tion von Grün­dung und Pleite der Fin­techs ist zu­dem noch zu hoch. Hinzu kommt, dass auch Fin­techs eine Voll­banken­l­izenz benöti­gen, wenn sie das ge­samte Di­en­stleis­tungsspek­trum eines Bankin­sti­tuts an­bi­eten wollen. Für viele Start-ups führt da­her der Weg über eine Ko­op­er­a­tion mit ein­er lizen­sierten Bank. Lizenzierte Fin­tech-Banken sind z.B. die So­laris­Bank oder die Ber­lin­er Fin­tech-Bank N26. Etablierte Banken haben bere­its auf den neuen Trend reagiert. Sie in­vestieren in In­no­va­tions­labs und dig­i­tale Tech­nolo­gien. An­dere Banken dage­gen ver­suchen ei­nen Weg der Ko­op­er­a­tion, denn Fin­techs sind nicht nur Konkur­ren­ten, son­dern sie kön­nen auch Part­n­er sein – Part­n­er der Banken und ihr­er Kun­den.
An­dré Sarin | re­dak­tion@­sued­west­falen-ma­n­ag­er.de

Ausgabe 01/2017