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Management

„Wir müssen Sharing Economy regional organisieren!“

Ein Interview mit dem Wuppertaler Unternehmer und Innovator Jörg Heynkes.

Wir befin­d­en uns in ein­er Zeit des enor­men Um­bruchs und des Wider­spruchs. Die glob­al­isierte Welt wächst durch die Dig­i­tal­isierung im­mer stärk­er zusam­men, gleichzeitig tritt sie in eine völ­lig neue Form des Wett­be­werbs. Pro­duktleben­szyklen wer­den im­mer kürz­er und beste­hende Geschäfts­mod­elle di­e­nen sch­neller aus. Und der mit­tel­ständische Un­terneh­mer fragt sich bei all­dem, wie er bitte schön langfristig wirtschaftlich über­leben soll. „An­ders denken“ ist eine neue Se­rie, in der wir aus­gewie­sene Ex­perten zu einem ökonomischen Me­ga-Trend in­ter­viewen – und vielleicht Ant­worten fin­d­en. Den An­fang macht der Wup­per­taler Un­terneh­mer, In­no­va­tor und Ak­tivist Jörg Heynkes, der eben­so Vizepräsi­dent der IHK Wup­per­tal-Solin­gen-Rem­scheid ist. Ihn be­fragten wir zum all­ge­gen­wärti­gen The­ma „Shar­ing Econ­o­my“.

SWM: Was be­deutet Shar­ing Econ­o­my und warum boomt sie seit eini­gen Jahren?

Jörg Heynkes: Shar­ing Econ­o­my be­gleit­et ei­nen der großen Me­ga-Trends unser­er Zeit: dass Un­terneh­men und Ver­brauch­er sich zuneh­mend dem ge­mein­sa­men Nutzen von Pro­duk­ten und Di­en­stleis­tun­gen zuwen­den und weniger den Be­sitz an­streben. Es reicht al­so, wenn ich ei­nen Ge­gen­s­tand oder Ser­vice jed­erzeit nutzen kann, er muss mir nicht ge­hören. Und es ent­spricht einem Zeit­geist, in dem im­mer mehr Men­schen sich Ge­danken machen über Nach­haltigkeit und Res­sourcen­ef­fizienz. Der Ge­danke – neh­men wir das Beispiel Genossen­schaften – ist ja nichts Neues, das In­ter­net stellt allerd­ings eine vol­lkom­men neue In­fras­truk­tur bere­it, um Shar­ing Econ­o­my zu or­gan­isieren. Ich halte die­s­es Busi­ness-Prinzip für sehr in­tel­li­gent und ef­fizient.

Das Internet bietet eine ideale Infrastruktur zur Organisation von Sharing Economy
Das In­ter­net bi­etet eine ideale In­fras­truk­tur zur Or­gan­i­sa­tion von Shar­ing Econ­o­my

SWM: Wie Räume, Au­tos, Geräte oder auch Nahrungs­mit­tel lokal geteilt wer­den, soll ex­em­plarisch das Kli­maquarti­er Ar­ren­berg hi­er in Wup­per­tal zei­gen, das Sie mit ini­tiiert haben. Erzählen Sie uns davon.

Jörg Heynkes: Das Pro­jekt hat zum Ziel, als er­stes Stadtquarti­er deutsch­land­weit bis zum Jahr 2030 kli­ma­neu­tral zu sein – das ist zwar sehr am­bi­tioniert, allerd­ings sollte man wis­sen, dass die Bun­des­regierung in den Paris­er Verträ­gen zuge­sagt hat, die­s­es in ganz Deutsch­land bis zum Jahr 2040 zu or­gan­isieren. Auf dem Weg dor­thin spielt die Shar­ing Econ­o­my eine wesentliche Rolle. Das be­t­rifft z.B. die Bereiche En­ergie, Mo­bil­ität und Nahrungs­mit­tel. Wir wollen in Zukunft Ge­bäudekom­plexe von 20 bis 30 Mehr­fam­i­lien­häusern zu so­ge­nan­n­ten Mi­cro­grids zusam­men­fassen, die eine ge­mein­same En­ergiev­er­sor­gung durch So­laran­la­gen, mit Bio­gas ver­sorgten Block­heizkraftw­erken und Speich­er­sys­te­men sich­er­stellen. Diese Mi­cro­grids bil­den ein Netz von Mikronetzen und sor­gen für eine dezen­trale und weit­ge­hend au­tarke En­ergiev­er­sor­gung in unseren Städten.

SWM: Und das­selbe Prinzip kann man auf Mo­bil­ität und Ernährung über­tra­gen?

Der Wuppertaler Jörg Heynkes ist Unternehmer, Innovator, Aktivist und Vizepräsident der IHK Wuppertal-Solingen-Remscheid
Der Wup­per­taler Jörg Heynkes ist Un­terneh­mer, In­no­va­tor, Ak­tivist und Vizepräsi­dent der IHK Wup­per­tal-Solin­gen-Rem­scheid
Jörg Heynkes: Ge­nau. In unserem Pi­loten in der Si­monss­traße leben und ar­beit­en rund 250 Men­schen, die rund 80 bis 100 Au­tos nutzen. Und diese wer­den ja nicht die ganze Zeit genutzt, im Ge­gen­teil: Im Durch­sch­nitt ste­hen sie 23,6 Stun­den am Tag ein­fach nur rum. Ein ge­mein­sames Shar­ing-Ange­bot aus E-Mo­bilen, Fahr­rädern, Ped­elecs und ÖP­NV-Tick­ets bi­etet für alle viel mehr Flex­i­bil­ität, gerin­gere Kosten und ist eben deut­lich umwelt­fre­undlich­er. Food­shar­ing ist auch ein wichtiges The­ma, weil es je­den be­t­rifft und so der Be­wusst­seinsen­twick­lung di­ent. Mit der Ar­ren­berg-Farm pla­nen wir ein Kraftw­erk, das sau­bere En­ergie lie­fert, bi­ol­o­gisch ein­wand­freie Nahrungs­mit­tel vor der Haustür pro­duziert und Ar­beit­s­plätze im nie­drigsch­wel­li­gen Bereich schafft. Denn ger­ade für diese Ar­beit­neh­mer wird es durch die Dig­i­tal­isierung im­mer sch­wieriger, eine Stelle zu fin­d­en.

SWM: Auch in­ter­na­tio­nale An­bi­eter wie AirBnb oder Uber se­hen sich als Vertreter der „Shar­ing Econ­o­my“. Der Blog­ger Sascha Lobo bezeich­net diese Un­terneh­men dage­gen als eine neue Form des dig­i­tal­en Kap­i­tal­is­mus, als ein Platt­form-Kap­i­tal­is­mus. Wie se­hen Sie das?

Jörg Heynkes: Ich denke, da trifft er den Nagel auf den Kopf. Das ist ein­fach eine völ­lig neue Form des Kap­i­tal­is­mus mit allen Vor- und Nachteilen, das ist so. Wenn wir die Regeln einiger­maßen selbst bes­tim­men wollen und nicht von solchen globalen An­bi­etern ab­hängig wer­den wollen, dann haben wir nur eine Chance: Wir müssen die Shar­ing Econ­o­my lokal oder re­gio­n­al or­gan­isieren! Da hinken wir in Deutsch­land ein­fach ziem­lich hin­ter­her, da kön­nen wir viel bess­er wer­den. Ein gutes Beispiel ist die Sch­war­m­mo­bil­ität: Sie wird in zehn Jahren mit großer Sicher­heit Re­al­ität in den deutschen Großstädten sein. Aber wer or­gan­isiert das? Wer­den das Goo­gle oder Ap­ple sein oder vielleicht ein großes Au­to­haus in der Re­gion und ein Stadtw­erk?

SWM: Wie kann er­reicht wer­den, dass auch kleinere Un­terneh­men der Dig­i­tal­wirtschaft eine Chance bekom­men, sich zu etablieren?

Jörg Heynkes: Das ge­ht nur über bru­tal­en Wett­be­werb. Sie müssen bess­er sein, die besseren Konzepte und Ange­bote haben. Sie müssen Überzeu­gungsar­beit in der Ge­sellschaft leis­ten, dass sie Nutzen brin­gen für die­jeni­gen, die in der Re­gion leben – und zwar, weil sie aus der Re­gion kom­men und sie ken­nen. Ger­ade die Dig­i­tal­isierung bi­etet ja die Chance dafür – auch und ger­ade für kleine und mit­tel­ständische Un­terneh­men.

SWM: Und wie kann ein pro­duzieren­der Mit­tel­ständler adäqu­at auf die­sen Trend der cloud­basierten Shar­ing Econ­o­my reagieren, um nicht abge­hängt zu wer­den bzw. wett­be­werbs­fähig zu bleiben?

Jörg Heynkes: In­dem er alles in­frage stellt. Das sollte oh­ne­hin jed­er Un­terneh­mer grund­sät­zlich öfters tun. Auch wenn er er­fol­greich ist. Das hält ihn wach. Er muss bere­it sein, sei­nen derzeiti­gen Er­folg auf die näch­sten Jahre zu pro­jizieren, und of­fen für Al­ter­na­tiv­en sein. Welch­es Know-how haben wir? Welche Maschi­nen haben wir? Was kön­nte man damit vielleicht völ­lig an­deres tun oder welche an­deren Märkte kön­nen wir damit be­di­e­nen? Das sind Fra­gen, die sich ein Mit­tel­ständler erst recht heutzu­tage stellen muss. An­son­sten ist er in sein­er Ex­is­tenz be­dro­ht.

SWM: Wo se­hen Sie die Shar­ing Econ­o­my in fünf Jahren – deutsch­land­weit und weltweit?

Jörg Heynkes: Die Shar­ing Econ­o­my wird in im­mer mehr Lebens­bereichen vorzufin­d­en sein. Es wer­den neue Geschäfts­mod­elle en­twick­elt, die das beste­hende Sys­tem auf den Kopf stellen. Ich denke, eine große Sch­nitt­menge wird es auch mit dem Me­ga-Trend „Kün­stliche In­tel­li­genz und Robotik“ geben, wenn Robotiksys­teme auf vielfältige Weise geteilt wer­den.

SWM: Her­zlichen Dank für das span­nende Ge­spräch! Tho­mas Cor­rinth | re­dak­tion@xxx-ma­n­ag­er.de

Ausgabe 09/2016