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Vom (Müll-)Sammler zum Energieversorger

Deutschland gehört zu den Vorreitern in der Abfallverwertung. Doch der Weg von der Haldenwirtschaft hin zu einem vielseitigen und wertschöpfenden Industriezweig ist europaweit noch lange nicht abgeschlossen.

Bild oben: Abfälle als Rohstoff
Altöl, Alt­pa­pi­er, Bioabfälle, Brenn­stoffe, Da­ten­träger und Ak­ten, Elek­tronik, Glas, Kun­st­stoffe, Min­er­alien, Mö­bel, Schrott, Son­der­abfälle, Tex­tilien – vor weni­gen Jahren war das alles nichts weit­er als Ab­fall, der abge­holt und ge­lagert, besten­falls ver­bran­nt wurde. Die Un­terneh­men der dazuge­höri­gen Branche waren in er­ster Linie Lo­gis­tik­er – im Sys­tem der Ab­fall­wirtschaft. Heute definiert sich der In­dus­triezweig als „Kreis­laufwirtschaft“, was deut­lich mehr ist als ein­fach nur eine Be­griff­swand­lung. Der Wert von Müll als Lie­fer­ant für Sekundär­roh­stoffe und Grund­lage zur En­ergieerzeu­gung ist erkan­nt, außer­dem ist der Umweltschutz stark ins Zen­trum des In­teress­es gerückt.
Dass ger­ade der Umweltschutz mehr sein kann als die Ver­w­er­tung von Haus- und Gewer­be­abfällen zeigt z.B. Mitwirkung der Töns­mei­er-Gruppe mit Sitz in Por­ta West­fal­i­ca am „Geis­ter­netze“-Pro­jekt des WWF (World Wide Fund For Na­ture) Deutsch­land. Die Umwel­tor­gan­i­sa­tion sam­melt seit mehr­eren Jahren die so­ge­nan­n­ten Geis­ter­netze – her­ren­los umhertreibende Fisch­er­netze – in der Ost­see ein. Diese machen nach An­gaben des WWF fast ein Zeh­n­tel des weltweit­en Meeres­mülls aus und ge­fähr­den alle Meeresle­be­we­sen, die sich darin ver­fan­gen kön­nen. Seit die­sem Jahr ist die Töns­mei­er-Gruppe als Vertreter der Kreis­laufwirtschaft strate­gisch­er Part­n­er im Pro­jekt. Sie berät den WWF in der nach­halti­gen Ver­w­er­tung der Netze. Dazu wer­den zunächst die In­for­ma­tio­nen zu Größe, Zusam­menset­zung und Ver­sch­mutzungs­grad der ge­fun­de­nen Netze ge­sam­melt, auf der Ba­sis die ideale Ver­w­er­tung er­mit­telt und alles wis­sen­schaftlich doku­men­tiert, um die Er­fahrun­gen aus dem Ost­see­p­ro­jekt später auch weltweit nutzen zu kön­nen.
Ex­perten der Töns­mei­er-Gruppe waren – in Part­n­er­schaft mit der TU Braun­sch­weig, TU Clausthal, RWTH Aachen, dem ifeu-In­sti­tut für En­ergie- und Umwelt­forschung Hei­del­berg, Öko-In­sti­tut e.V., dem Umwelt­min­is­teri­um NRW und der AML Ab­fal­l­ent­sor­gungs­be­trieb des Kreis­es Min­den-Lübbecke – im Übri­gen auch an dem mehr­jähri­gen Forschungspro­jekt „En­twick­lung in­no­va­tiv­er Ver­fahren zur Rück­gewin­nung aus­gewähl­ter Res­sour­cen aus Sied­lungs­ab­fall- und Sch­lack­en­de­ponien“ beteiligt. Das vom Bun­des­min­is­teri­um für Bil­dung und Forschung ge­förderte Pro­jekt kam zu dem Sch­luss, dass der Rück­bau von De­ponien nicht nur tech­nisch möglich, son­dern auch ökol­o­gisch sin­n­voll ist. Im Hin­blick auf die Wirtschaftlichkeit der Maß­nah­men kon­n­ten be­zo­gen auf die drei­jährige Pro­jekt­phase noch keine Vorteile erkan­nt wer­den – bei verän­derten Rah­menbe­din­gun­gen sei aber auch das möglich. (An­na Breit­en­stein, Karsten Kieck­häfer und Tho­mas S. Spen­gler: „TönsLM – Rück­gewin­nung von Wert­stof­fen aus Sied­lungs­ab­fall- und Sch­lack­en­de­ponien“).

Bei­trag zur En­ergiev­er­sor­gung

Abfälle als Rohstoff
Abfälle als Roh­stoff

Ökonomisch be­deu­ten­der ist da schon jet­zt der Bei­trag der Kreis­laufwirtschaft zur En­ergiev­er­sor­gung. Mül­lver­bren­nungsan­la­gen beispiel­sweise di­e­nen nicht mehr nur zur Be­sei­ti­gung von Ab­fall­men­gen, son­dern lie­fern Wärme und Strom. Die Ver­bren­nung von ein­er Tonne Müll ent­spricht in et­wa der Wärmeen­ergie von 250 Litern Heizöl. Mit 19 Mil­lio­nen Me­gawatt­s­tun­den pro Jahr wer­den rund drei Prozent des Stroms in Deutsch­land aus Abfällen erzeugt. Gas aus Bio­gasan­la­gen wird als Brenn­stoff ver­wen­det und kann mit ent­sprechen­der Nach­be­hand­lung so­gar Kraft­fahrzeuge an­treiben. Noch am An­fang ste­hen eu­ro­paweit die Möglichkeit­en zur sin­n­vollen Nutzung von De­pon­ie­gasen. So sind die Un­terneh­men der Ab­fal­l­ent­sor­gung heute schon Teil der En­ergiewirtschaft, was sich auch in poli­tischen Kon­stel­la­tio­nen nied­er­sch­lägt. Die Ein­bin­dung der Branche, insbe­son­dere der Mül­lver­bren­nungsan­la­gen, in die „En­er­gy Union Strat­e­gy“ der Eu­ropäischen Kom­mis­sion ist ein guter Be­leg für den EU-weit­en Aus­tausch zwischen Pol­i­tik und Ver­bän­den.
Deutsch­land nimmt in der Tech­nolo­gie der En­ergiegewin­nung und Wied­erver­w­er­tung eine Vor­reit­er­rolle ein. Die zu ve­rar­bei­t­ende Ab­fall­menge ist in Deutsch­land laut dem „Branchen­bild der deutschen Kreis­laufwirtschaft“, ein­er im Mai im Auf­trag des Bun­desver­ban­des der Deutschen Ent­sor­gungs-, Wass­er- und Roh­stof­fwirtschaft (BDE) veröf­fentlicht­en Prog­nos-Stu­dio, auf 392 Mil­lio­nen Ton­nen pro Jahr angewach­sen. Nach An­gaben des Statis­tischen Bun­de­samtes wur­den 2012 bere­its 78,9 Prozent des Ab­fal­laufkom­mens in Deutsch­land ver­w­ertet, der Durch­sch­nittsw­ert aller 28 EU-Staat­en lag bei ger­ade mal der Hälfte der Ab­fall­menge. Schon de­shalb sie­ht Peter Kurth, Präsi­dent des BDE, die deutsche Kreis­laufwirtschaft als Im­puls- und Ideenge­ber für an­dere Staat­en. Um aber wirk­lich ef­fek­tiv zu Kli­maschutzzielen bei­tra­gen zu kön­nen, müssten in­ter­na­tio­n­al noch stärkere Rah­menbe­din­gun­gen for­muliert wer­den. „Die De­ponierung von un­be­han­del­ten Abfällen muss eu­ro­paweit ver­boten wer­den“, fordert Kurth. Laut „Branchen­bild“ kön­n­ten in Eu­ro­pa allein durch eine konse­quente Kreis­laufwirtschaft­spol­i­tik bis 2030 mehr als zehn Prozent der eu­ropäischen Koh­len­dioxid-Re­duk­tion­sziele er­reicht wer­den.

70 Mil­liar­den Eu­ro Um­satz


Die Studie zeich­net auch er­st­mals ein kom­plet­teres Bild der Branche in Deutsch­land. „Er­st­mals wur­den alle Wertschöp­fungsstufen der Kreis­laufwirtschaft be­trachtet“, sagt Kurth. „Bish­er waren beispiel­sweise die für die Branche ge­baut­en Maschi­nen sowie der Han­del mit Sekundär­roh­stof­fen außen vor ge­blieben.“ Ins­ge­samt weist das „Branchen­bild“ 250.000 Mi­tar­beit­er in 11.000 Un­terneh­men aus. „Damit sind ge­nau­so viele Men­schen in der Kreis­laufwirtschaft beschäftigt wie in der En­ergiev­er­sor­gung und fast vier­mal so viele wie in der Wass­er- und Ab­wasser­wirtschaft.“ In­n­er­halb des In­dus­triezweiges wer­den jähr­lich rund 70 Mil­liar­den Eu­ro Um­satz er­wirtschaftet. Und die Re­cy­cling-Un­terneh­men in­n­er­halb der Branche haben wach­sen­den An­teil daran: Lag ihr Um­satz 2012 noch bei 9,89 Mil­lio­nen Eu­ro, war er nach An­gaben von statis­ta.com zwei Jahre später bere­its auf 11,5 Mil­lio­nen Eu­ro angewach­sen.

Rechtliche Rah­menbe­din­gun­gen


Die er­sten ge­set­zlichen Maß­nah­men rund um Ab­fallbe­sei­ti­gung und Städtereini­gung stam­men aus dem Ende des 19. Jahrhun­derts. Da­mals ent­s­tand in Ham­burg die er­ste Mül­lver­bren­nungsan­lage (1896). Vorder­gründig waren Verbesserun­gen der hy­gienischen Ver­hält­nisse, was im Laufe der Jahrzeh­nte zu weit­eren Vorschriften führte, wie der „All­ge­meine An­sch­luss- und Be­nutzungszwang für die Mül­lab­fuhr und die Ab­wasserka­nal­i­sa­tion“, die 1935 in der Ge­mein­de­ord­nung fest­geschrieben wurde. Erst ab den 1970er-Jahren aber be­gann ein be­wusster­er Um­gang mit dem The­ma Ab­fall, der sch­ließlich auch in den er­sten Strate­gien zur Ab­fal­lvermei­dung als vor­sor­gen­dem Umweltschutz mün­dete. Die 1991 durch die Bun­des­regierung beschlossene Ver­pack­ungsverord­nung führte zur Grün­dung der „Duale Sys­tem Deutsch­land GmbH (DSD)“ und Ein­führung des „Grü­nen Punk­tes“ auf Ver­pack­un­gen, die ge­sam­melt und ver­w­ertet wer­den soll­ten. Das Kreis­laufwirtschafts- und Ab­fallge­setz trat 1996 er­st­mals in Kraft und Gewerbe und öf­fentliche Ein­rich­tun­gen tren­nen ihren Ab­fall seit 2003 nach den Vor­gaben der Gewer­be­ab­fal­lverord­nung.
Per­ma­nente Nov­el­lierun­gen der beste­hen­den Ge­setze und Verord­nun­gen sor­gen in der Branche weit­er für Be­we­gung – im­mer vor dem Hin­ter­grund der Verbesserung des Umwelt- und Kli­maschutzes sowie der Res­sour­cenk­nap­pheit. „Verän­derun­gen in der Kreis­laufwirtschaft wer­den aber nicht nur durch den Ge­set­zge­ber erzeugt, son­dern auch durch die Art, wie unsere Ge­sellschaft lebt, woh­nt, ar­beit­et, kon­su­miert und wie sie ihre Werte definiert“, heißt es im „Branchen­bild der deutschen Kreis­laufwirtschaft“. Und weit­er: „Die Un­terneh­men der Kreis­laufwirtschaft sind bere­it, weitere Verän­derungsprozesse mitzuges­tal­ten, zu or­gan­isieren und zu fi­nanzieren. Die Qual­ität und der Um­fang der stof­flichen und en­er­getischen Ver­w­er­tung der Ab­fall­men­gen ist aber eng mit dem wirtschaftlichen Be­trieb und damit der gesicherten Aus­las­tung der An­la­gen ver­bun­den.“ Darum fordern die Branchen­ver­bände deutsch­land- und eu­ro­paweit eine noch verbindlichere Um­set­zung gel­ten­der Regelun­gen, insbe­son­dere in der Ver­w­er­tung von Kun­st­stoff- und Gewer­be­abfällen. Nur so sei die Weit­er­en­twick­lung vom ehe­ma­li­gen Sam­meln, Tran­s­portieren und De­ponieren hin zu ein­er sin­n­vollen und wirtschaftlichen Wertschöp­fung dauer­haft zu gewähr­leis­ten. Ste­fan Mülders | re­dak­tion@­sued­west­falen-ma­n­ag­er.de

Ausgabe 06/2016