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Viel mehr als Käse und Tomaten

Beachtet man die Besonderheiten des jeweils anderen Landes, sind die Aussichten auf Geschäftserfolg bei deutsch-niederländischen Handelsbeziehungen nach wie vor gut.

Der größte deutsche Hafen liegt in den Nied­er­lan­den und heißt Rot­ter­dam, und das ist nicht nur ein Werbes­lo­gan. In Rot­ter­dam wer­den mehr Waren für Deutsch­land umgesch­la­gen als in allen deutschen Häfen zusam­men. Im Jahr 2015 stand der Rot­ter­damer Hafen (www.portofrot­ter­dam.com) mit einem Ge­samt­güterum­sch­lag von über 466 Mil­lio­nen Ton­nen in Eu­ro­pa unange­focht­en auf Platz eins. An­tw­er­pen und Ham­burg fol­gten mit gut 208 und 137 Mil­lio­nen Ton­nen. In der „Ham­burg-Le Havre-Range“, dem Bereich der nord­wes­teu­ropäischen Häfen zwischen Ham­burg und Le Havre, hatte Rot­ter­dam 2015 damit ei­nen Mark­tan­teil von 38,1 Prozent. Die drei deutschen Übersee­häfen Ham­burg, Bre­mer­haven und Wil­helmshaven ka­men zusam­men auf 19,7 Prozent. Dabei waren Erdöl und Min­er­alöl­pro­dukte das wichtig­ste Rot­ter­damer Han­delsgut. Über 191 Mil­lio­nen Ton­nen wur­den davon im Jahr 2015 durchgeleit­et. Dazu ka­men 33,9 Mil­lio­nen Ton­nen Eisen­erz und Schrott sowie 30,7 Mil­lio­nen Ton­nen Koh­le – wichtige Roh­stoffe auch für die nor­drhein-west­fälische In­dus­trie. Mas­sen­güter machen et­wa zwei Drit­tel der in Rot­ter­dam umgesch­la­ge­nen Güter aus. Der größte nied­er­ländische Hafen hat aber auch eine große Be­deu­tung für Stückgut. So wur­den in Rot­ter­dam 2015 über 126 Mil­lio­nen Ton­nen Con­tain­er ver­schifft. Die wirtschaftliche Be­deu­tung die­s­es Güter­trans­fers ist für alle Beteiligten enorm. Nicht um­sonst beschäftigten der „Port of Rot­ter­dam“ und die hafen­be­zo­gene Wirtschaft 2015 über 320.000 Mi­tar­beit­er und erziel­ten et­wa sieben Prozent des nied­er­ländischen Brut­toin­land­spro­dukts. Ein großer Teil dies­er Um­sätze wer­den mit Gütern des „Ex­portwelt­meis­ters Deutsch­land“ er­wirtschaftet. Ger­ade Un­terneh­men aus den Bal­lungs­räu­men an Rhein und Ruhr tran­s­portieren ihre Überseelie­fer­un­gen bevorzugt durch die Nied­er­lande zu ihren End­ab­neh­mern. Deutsch­lands west­lich­er Nach­bar fungiert in ho­hem Maße als Eu­ro­pas Tor zur Welt.

Nied­er­lande – ein­er der wichtig­sten Part­n­er


Der di­rekte Han­del zwischen Deutsch­land und den Nied­er­lan­den hat ein er­he­blich­es Vol­u­men. Waren im Wert von über 161,2 Mil­liar­den Eu­ro wur­den 2014 zwischen den Län­dern aus­ge­tauscht, wobei die Im­porte aus den Nied­er­lan­den (88,1 Mil­liar­den Eu­ro) die Ex­porte in die Ge­gen­rich­tung (73,1 Mil­liar­den Eu­ro) deut­lich über­schrit­ten. Gleichzeitig waren die Nied­er­lande das be­deu­tend­ste Waren­herkunft­s­land des deutschen Marktes – vor Chi­na und Frankreich auf Platz zwei und drei. In der Ex­port­s­tatis­tik belegte uns­er west­lich­er Nach­bar im­mer­hin den fünften Platz. Hi­er waren Frankreich, die USA, Großbri­tan­nien und Chi­na größere Ab­neh­mer deutsch­er Waren. Nach Frankreich waren die Nied­er­lande somit 2014 der zweitwichtig­ste Han­dels­part­n­er Deutsch­lands. Und es sie­ht nicht so aus, als ob sich das zukünftig grundle­gend än­dern wird. Und welche Güter im­portiert Deutsch­land aus den Nied­er­lan­den? To­mat­en und Käse? Ja, auch. Land­wirtschaftliche Pro­dukte macht­en mit einem Waren­w­ert von gut 4,6 Mil­liar­den Eu­ro im Jahr 2010 den zweit­größten Teil der nach Deutsch­land gelie­fer­ten Güter aus. Platz eins der Im­port­s­tatis­tik wurde mit über 11,5 Mil­liar­den Eu­ro Waren­vol­u­men aber unange­focht­en von Kok­erei- und Min­er­alölerzeug­nis­sen eingenom­men – wie die Konzen­tra­tion der petro­chemischen In­dus­trie rund um Rot­ter­dam schon ver­muten lässt. Auf dem drit­ten Platz fol­gten Me­t­alle – mit 4,3 Mil­liar­den Eu­ro knapp hin­ter der Land­wirtschaft. Deutsch­land im­portierte neben land­wirtschaftlichen Pro­duk­ten al­so vor allem in­dus­trielle Grund­stoffe. In die Ge­gen­rich­tung lie­fer­ten deutsche Un­terneh­men zwar auch für 3,6 Mil­liar­den Eu­ro Me­t­alle sowie für 1,5 Mil­liar­den Eu­ro Min­er­alöl- und Kok­ereipro­dukte in die Nied­er­lande. Der Sch­w­er­punkt der deutschen Ex­porte lag und liegt aber ein­deutig bei ve­rar­beit­eten Gütern wie Maschi­nen, Au­tos, IT-Tech­nik, Bek­lei­dung und phar­mazeutischen Pro­duk­ten. Der Ex­port von land­wirtschaftlichen Gütern von Deutsch­land in die Nied­er­lande nahm 2010 mit knapp 1,4 Mil­liar­den Eu­ro Waren­w­ert nur den acht­en Platz der Ex­port­s­tatis­tik ein.

Wech­selvolle Geschichte, gute Aus­sicht­en


Um nied­er­ländische Land­wirtschafts- und In­dus­trieerzeug­nisse in Deutsch­land bekan­n­ter zu machen und Han­del­shemm­nisse abzubauen, trafen sich im Jahr 1905 in Düs­sel­dorf nied­er­ländische Kau­fleute und grün­de­ten „Het Eer­ste Ned­er­land­sche Koop­mans­gilde“. Dabei war der Vor­läufer der heuti­gen „Deutsch-Nied­er­ländischen Han­del­skam­mer“ (www.dnhk.org) zunächst eine ein­seitige Ini­tia­tive, die aber auch deutsche Un­terneh­men als Mit­glied­er ge­wann. Dazu wur­den Nied­er­las­sun­gen in mehr­eren deutschen Städten, darun­ter Dort­mund und Kre­feld, ge­grün­det. Lei­der waren die poli­tischen Rah­menbe­din­gun­gen in der Folge nicht sehr förder­lich für ei­nen Aus­bau der bis dahin sehr guten Han­dels­bezie­hun­gen. In­fla­tion, Wirtschaft­skrise und die na­tio­n­al­sozial­is­tische Machter­grei­fung beein­trächtigten das deutsch-nied­er­ländische Wirtschaft­sk­li­ma, und der deutsche Über­fall auf das Nach­bar­land schien ein­er guten Zusam­me­nar­beit völ­lig den Ga­raus zu machen. Aber weit ge­fehlt. Bere­its kurz nach Ende des Zweit­en Weltkriegs wur­den die al­ten Bezie­hun­gen vor allem auf nied­er­ländische Ini­tia­tive hin reak­tiviert, so­dass der Han­del bere­its in den 50er-Jahren ein Reko­rd­niveau er­reichen kon­nte, und 1956 wurde die Han­del­skam­mer zu ein­er par­itätisch ge­führten Or­gan­i­sa­tion, die ihren Mit­glied­ern in bei­den Län­dern um­fan­greiche Ser­viceleis­tun­gen bi­etet. Par­al­lel zu der Ini­tia­tive der Wirtschaft wur­den auch staatliche Stellen bei­der Län­der ak­tiv. In den 60er- und 70er-Jahren wur­den ent­lang der deutsch-nied­er­ländischen Grenze fünf „Eu­re­gios“ ge­grün­det, die die gren­züber­schrei­t­ende Zusam­me­nar­beit lokal und re­gio­n­al ko­or­dinieren sowie in­teressierten Un­terneh­men Be­r­a­tung und För­der­mit­tel bi­eten. In­teres­sante Tipps und In­fos bi­etet auch „NRW.In­ter­na­tio­n­al“, die Außen­wirtschafts­förderungsa­gen­tur des Lan­des NRW mit ihr­er Mit­tel­s­tandsini­tia­tive für die Benelux-Län­der (www.mi-benelux-nrw.de). Dazu haben sich am Markt Di­en­stleis­tung­sun­terneh­men, wie zum Beispiel das Es­sen­er „Hol­land­büro“ (www.hol­land­buero.com), etabliert, deren Auf­gabe die Er­leichterung und Bün­delung der Kom­mu­nika­tion zwischen Un­terneh­men auf bei­den Seit­en der Grenze ist. Ein wichtiges Be­r­a­tungs­the­ma sind dabei im­mer Un­ter­schiede in der Ver­hal­ten­skul­tur sowie rechtliche und steuer­liche Fra­gen, da das nied­er­ländische Rechtssys­tem einige vom deutschen ab­weichende Be­son­der­heit­en aufweist. Wer sich vorab fachkundi­gen Rat holt, hat dann allerd­ings beste Aus­sicht­en auf ei­nen guten Geschäft­ser­folg im Nach­bar­land.
Michael Ot­ter­bein | re­dak­tion@­sued­west­falen-ma­n­ag­er.de

Ausgabe 07/2016



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