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„Sekundärinsolvenz“ rettet Meschede

Nachgehakt: Insolvenzen in Südwestfalen: Europäisches Insolvenzrecht für Stadthalle, Parkhaus und die „neue Mitte“

Bild oben: Aus quälender Insolvenz zur neuen Mitte: So soll sich als „heruM“ schon im neuen Jahr das neue Einkaufsparadies in der Mescheder Stadtmitte präsentieren (Visualisierung: Fokus Development AG)
300.000 Eu­ro ste­hen am Ende eines In­sol­ven­zver­fahrens nur sel­ten zur Sch­lussverteilung bere­it: Wenn sich die Forderun­gen allerd­ings auf stattliche 95 Mil­lio­nen Eu­ro be­laufen, wird deut­lich, dass trotz­dem viele Gläu­biger leer aus­ge­hen wer­den oder sich mit ganz beschei­de­nen Verteilquoten zufrie­dengeben müssen. Die Pleite von „HIDD Meschede“ dürfte eine der ganz teuren In­sol­venzen in Süd­west­falen sein. Wie ge­nau sich die im­mensen Verbindlichkeit­en zusam­mensetzen, wird wohl auch nach Ab­sch­luss des In­sol­ven­zver­fahrens un­k­lar bleiben, denn bis zum Sch­luss des über­aus kom­pl­izierten In­sol­ven­zver­fahrens machen die vielen in­ter­na­tio­nalen Querverbin­dun­gen und das na­hezu unüber­schaubare Ge­flecht an Beteiligten eine ab­sch­ließende Über­sicht mehr als sch­w­er.

Henne Ruhr Markt Meschede

Aus quälender Insolvenz zur neuen Mitte: So soll sich als „heruM“ schon im neuen Jahr das neue Einkaufsparadies in der Mescheder Stadtmitte präsentieren (Visualisierung: Fokus Development AG)
Aus quälen­der In­sol­venz zur neuen Mitte: So soll sich als „heruM“ schon im neuen Jahr das neue Einkaufs­paradies in der Mesched­er Stadt­mitte präsen­tieren (Vi­su­al­isierung: Fokus De­vel­op­ment AG)

Das wird der Stadt Meschede egal sein, denn die kann sich nach jahre­lan­gen Un­sicher­heit­en über die Zukunft des ehe­ma­li­gen Her­tie-Kaufhaus­es in der Stadt­mitte freuen. Kom­pl­iziert wurde die Hänge­par­tie insbe­son­dere auch, weil nicht nur das Einkauf­szen­trum be­trof­fen war und ist. Un­ter einem Dach mit dem ein­sti­gen Her­tie und dem neuen Kaufhaus re­si­dieren näm­lich auch die Stadthalle sowie eine Tie­f­garage. Wichtige In­fras­truk­tur, die die Stadt unbe­d­ingt er­hal­ten wollte, das scheint nun auch zu gelin­gen. Der neue Fre­quenzbringer wird als „heruM“ und damit als „Henne Ruhr Markt Meschede“ im kom­men­den Jahr an den Start ge­hen. Bürg­ermeis­ter Chris­toph We­ber ist er­leichtert, dass par­al­lel zum nun abgeschlosse­nen In­sol­ven­zver­fahren mit der Fokus De­vel­op­ment AG aus Duis­burg ein In­ves­tor für das Are­al und damit eine Lö­sung für die Stadthalle ge­fun­den wer­den kon­nte. Auf 9.500 Qua­drat­me­ter Nutzfläche sollen Lokale für Einzel­han­del, Gas­tronomie und Fit­ness ent­ste­hen. Hinzu kom­men 3.000 Qua­drat­me­ter für die Stadthalle sowie 115 Stell­plätze in der Tie­f­garage. Das In­vesti­tionsvol­u­men für das Pro­jekt be­trägt 25 Mil­lio­nen Eu­ro. Ax­el Funke, Vor­s­tandsvor­sitzen­der der Fokus De­vel­op­ment AG, freut sich über die Zusam­me­nar­beit: „Wir haben in­ten­siv da­rauf hingear­beit­et, Meschede wied­er mit Leben zu füllen und das wird nun in den kom­men­den Mo­nat­en gelin­gen.“

95 Mil­lio­nen Verbindlichkeit­en


Damit ist Meschede weit­er als viele an­dere Städte: Nach der Her­tie-Pleite 2009 stan­den plöt­zlich dutzende Waren­häus­er in deutschen In­nen­städten leer. Ins­ge­samt han­delte es sich um 32 Im­mo­bilien mit 282.000 Qua­drat­me­ter Mi­et­fläche. Die 70er Jahre-Baut­en waren an­fangs als Kars­tadt Kom­pakt-Häus­er be­trieben wor­den und wur­den später an die Her­tie GmbH ver­mi­etet, die sch­ließlich im Juli 2008 In­sol­venz an­meldete. Als Dar­le­hensver­wal­ter war Si­tus In­ter­na­tio­n­al Limit­ed (ehe­mals Hat­field Philips In­ter­na­tio­n­al Limit­ed) beauf­tragt. Spätestens mit die­sem Blick auf die in­ter­na­tio­nalen Geschäfts­bezie­hun­gen wird deut­lich, dass die­s­es In­sol­ven­zver­fahren seine Tück­en of­fen­barte.
2005 hatte die bri­tische Beteili­gungs­ge­sellschaft Daw­nay Day die Her­tie-Häus­er vom da­ma­li­gen Kars­tadt-Quelle-Konz­ern (der sich später Ar­can­dor nan­nte) über­nom­men. Daw­nay Day In­vest­ment Limit­ed war Haupt­ge­sellschafter der Hold­ing „Mer­ca­to­ria Ac­qui­si­tions”, in der alle Her­tie-Im­mo­bilien in den Nied­er­lan­den zusam­mengeschlossen waren. 2012 kam es zur In­sol­venz, mit der die un­ter­schiedlichen In­sol­ven­zrechte in Eu­ro­pa sch­nell deut­lich wur­den. Für je­den Her­tie-Stan­dort gab es eine ei­gene nied­er­ländische Ge­sellschaft, für Meschede die „HIDD Meschede“. Nach jahre­langem Still­s­tand be­wegte sich der Haupt­gläu­biger Hat­field Philips in Lon­don, und auch die Deutsche Bank als Grundp­fan­drecht-Gläu­biger verzichtete auf ei­nen Teil ihr­er Forderun­gen, so­dass für einige Ge­sellschaften Lö­sun­gen ge­fun­den wer­den kon­n­ten. Dabei half die „Eu­ropäische In­sol­ven­zverord­nung“ aus dem Jahr 2002: Das so ge­nan­nte „Sekundärin­sol­ven­zver­fahren“ ges­tat­tet, ein In­sol­ven­zver­fahren zurück in das Land zu holen, in dem sich die be­trof­fene Im­mo­bilie befin­d­et. Damit kon­nte auch für Meschede deutsch­es In­sol­ven­zrecht ange­wandt und ein deutsch­er Ver­wal­ter be­nan­nt wer­den.

Lö­sung für Meschede


Los­gelöst vom In­sol­venz-Durchei­nan­der wurde für Meschede eine Lö­sung ge­fun­den. Für Eva Ka­trin Mai­er, PR-Ma­n­agerin bei der neuen Ei­gen­tümerin Fokus De­vel­op­ment AG: „Uns war es wichtig, zum ei­nen für unsere En­twick­lung eine klare Ne­u­po­si­tionierung zu fin­d­en, denn die neue Im­mo­bilie ist wed­er ein Her­tie-Ge­bäude, noch ein klas­sisch­es Einkaufs-Cen­ter.“ Das „heruM“ solle vielmehr ein Teil der Mesched­er In­nen­s­tadt sein – vielleicht so­gar die neue Mitte. Rein­hold Häken | re­dak­tion@­sued­west­falen-ma­n­ag­er.de

Ausgabe 08/2017