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Management

„Man muss an die Arbeitsleistung denken“

Der Trend zum Großraumbüro ist ungebremst. Doch insbesondere die hohe Lautstärke stellt hohe Anforderungen an die Büroeinrichtung.

Bild oben: Das Großraumbüro: Arbeiten wie die Hühner auf der Stange (© zhu difeng – stock.adobe.com)
Der Trend zu Großraum­büros ist unge­bremst. Doch die Mei­n­un­gen über Vor- und Nachteile ge­hen weit au­sei­nan­der. Welche Auswirkun­gen und Fol­gen haben Großraum­büros auf die Men­schen, die dort ar­beit­en? Die Kri­tik­er der großen Büros ver­weisen vor allem auf den Lärm, der die Ge­sund­heit beein­trächti­gen und Stress aus­lösen kann. „Wirk­lich ver­läss­liche um­fan­greiche Ge­samt­s­tu­di­en ste­hen uns nicht zur Ver­fü­gung“, erk­lärt Dr. med. Wolf­gang Pan­ter. Der Präsi­dent des Ver­ban­des Deutsch­er Be­triebs- und Werk­särzte (VDBW) ken­nt die wirtschaftlichen Zwänge von Un­terneh­men: „Büro­raum ist teuer.“ Doch der Medizin­er ver­teufelt Großraum­büros nicht. Er weist aber auf die Zusam­men­hänge von Lärm auf Ar­beit­sleis­tung und Konzen­tra­tion hin. „Ho­he in­tellektuelle Leis­tun­gen und ein ho­her Lärm­pegel sch­ließen sich aus“, warnt der Ver­band­spräsi­dent. „Ar­beit­ge­ber, die in gute schalldäm­mende Maß­nah­men in­vestieren, er­hal­ten oder er­höhen die Konzen­tra­tion und damit die Ar­beit­sleis­tung ihr­er Mi­tar­beit­er.“ Dr. med. Pan­ter rät, den Lärm­pegel auf 55 dbA zu be­grenzen. Das gelte auch für Call­cen­ter, deren Mi­tar­beit­er hoch konzen­tri­ert mit Kun­den tele­fonieren. Steigt der Lärm­pegel in Großraum­büros an, sprächen die Mi­tar­beit­er au­to­ma­tisch lauter. „Das ist für das Ge­genüber nicht an­geneh­m“, so der Ver­band­spräsi­dent und ver­weist auch auf das Telekom­mu­nika­tions­ge­setz. „Wird zu laut tele­foniert, kön­nte der Ge­sprächs­part­n­er des Kol­le­gen mithören.“ Allerd­ings gebe es noch weitere Dinge zu beacht­en. Die nor­male Bürotem­per­a­tur liegt zwischen 21 und 22 Grad. „Dem Kon­f­likt zwischen kalt und warm kann man zu­min­d­est im Som­mer durch Kühldeck­en begeg­nen. Die einge­baut­en Wasserohre in der Decke führen die Wärme über den Hitze­quellen wie Com­put­er und an­dere elek­tronische Geräte gezielt ab. Das funk­tioniert aber nur, wenn die Deck­en­höhe aus­reicht.“ Diese mod­erne Lüf­tungsart nen­nt der Ver­band­spräsi­dent ökonomisch wie ökol­o­gisch sin­n­voll. Im Weg­fall von Zugluft sie­ht er ei­nen weit­eren Vorteil. Ei­nen Ex­tra­raum emp­fiehlt der Medizin­er für Druck­er. Damit falle nicht nur die Dauer­be­las­tung durch Ton­er­aus­dün­s­tun­gen weg. „Wer et­was aus­druckt, be­wegt sich oder über­legt, ob es wirk­lich nötig ist, Pa­pi­er zu nutzen.“

Lärm min­dert Ar­beit­sleis­tung

Das Großraumbüro: Arbeiten wie die Hühner auf der Stange (© zhu difeng – stock.adobe.com)
Das Großraum­büro: Ar­beit­en wie die Hüh­n­er auf der Stange (© zhu difeng – stock.adobe.com)

Nicht nur für den Präsi­den­ten des Ver­ban­des Deutsch­er Be­triebs- und Werk­särzte (VDBW) ist der Zusam­men­hang zwischen Lärm in Großraum­büros und Ar­beit­sleis­tung un­strittig. Über­all dort, wo ho­he Konzen­tra­tion, Aufmerk­samkeit und Gedächt­nisleis­tun­gen ge­fordert sind, schadet Lärm. Die Auswirkun­gen zei­gen sich un­ter­schiedlich. In Call­cen­tern, bei Lehrtätigkeit­en oder Grup­pe­nar­beit­en kann es zur Störung der sprach­lichen Kom­mu­nika­tion führen. Kom­men Hitze im Som­mer, Kälte im Win­ter, Zugluft sowie Zeit­druck hinzu, stei­gen die Stresshor­mone im Blutkreis­lauf an, und die Blut­ge­fäße veren­gen sich. Die Folge kön­nen vermehrte Erkrankun­gen des Herz-Kreis­lauf-Sys­tems sowie des Ver­dau­ungssys­tems sein. „Für Büroar­beit­s­plätze gilt, dass der Zusam­men­hang zwischen Sprachver­ständlichkeit und Leis­tung sowie psychischem Befin­d­en als be­last­bar ange­se­hen wer­den kan­n“, heißt es auch ab­sch­ließend in der Pub­lika­tion „Psychische Ge­sund­heit in der Ar­beitswelt – Lär­m“ (1. Au­flage. Dort­mund: Bun­de­san­s­talt für Ar­beitsschutz und Ar­beitsmedizin 2016, S 77). Die Au­toren, Dr. An­dreas Lie­bl und Maria Kit­tel vom Fraun­hofer-In­sti­tut für Bau­physik IBP, er­forscht­en die Lit­er­a­tur über Lärm und seine Auswirkun­gen in den ver­schie­den­sten Ar­beits­bereichen. Sie werteten dafür die rel­e­van­testen Pub­lika­tio­nen der ver­gan­ge­nen Jahre aus. Einige Trends kris­tal­lisierten sich dabei her­aus: Wer heute Großraum­büros plant, muss neue Konzepte en­twick­eln, um Lärm nicht nur un­ter Echtzeitbe­din­gun­gen zu messen, son­dern ihn auch wirk­sam zu ver­min­dern. Die Au­toren stoßen dabei auf ein generelles Dilem­ma: Es fehlen ent­sprechende Schutzvorschriften, die alle Lär­mquellen gleicher­maßen berück­sichti­gen. Die gibt es nicht, weil rel­e­vante Mess­größen fehlen, die auf die jew­eilige Branche zugesch­nit­ten sind. Es fehlen „Konzepte zur Beurteilung von Lärm sowie Maß­nah­men zur akustischen Ges­tal­tung von Ar­beitssys­te­men, die die Ar­beit­stätigkeit und die jew­eili­gen Ar­beit­sumge­bun­gen berück­sichti­gen“, so die Au­toren. Heute „wer­den zur Beschrei­bung der Qual­ität eines Ar­beit­s­platzes tech­nische Beurteilungs­größen herange­zo­gen. Im Fall von Büroumge­bun­gen sind dies bspw. die räum­liche Abk­lin­grate von Sprache (D2,S), der A-be­w­ertete Schall­druck­pegel von Sprache in einem Ab­s­tand von 4 Me­tern (Lp,A,S,4m), die Nach­hal­lzeit (T) und das bau­seitige Grundgeräusch (LNA,Bau)“.

Spezielle Ein­rich­tung er­forder­lich

Ein positiver Aspekt des Großraumbüros: Der Austausch zwischen den Kollegen erhält einen ganz neuen Stellenwert (©  contrastwerkstatt  – stock.adobe.com)
Ein pos­i­tiv­er As­pekt des Großraum­büros: Der Aus­tausch zwischen den Kol­le­gen er­hält ei­nen ganz neuen Stel­len­w­ert (© con­trast­w­erk­s­tatt – stock.adobe.com)

Die durchaus mess­bare Sprachver­ständlichkeit, die bei ho­her Lärm­be­las­tung ab­n­immt, spielt als Pla­nungs­größe in aktuellen Richtlinien keine Rolle. Die konkrete Be­las­tung durch sprach­lichen Hin­ter­grund­schall wird außer­dem bei der Beurteilung der Qual­ität von Ar­beit­s­plätzen bish­er gar nicht er­fasst, „da Mes­sun­gen häu­fig im unbe­set­zten Zu­s­tand stattfin­d­en“. Mit an­deren Worten: Die un­ter­schiedlich laut­en Büro­ge­spräche fließen heute in die Be­w­er­tung und Berech­nung von Lärm nicht ein. Die Au­toren weisen aber auch da­rauf hin, dass die da­raus re­sul­tieren­den Störun­gen und Fol­gen in­di­vi­du­ell un­ter­schiedlich emp­fun­den wer­den. Und ge­nau da liegt ein weit­eres Problem: „Aus der sub­jek­tiv emp­fun­de­nen Lärm­be­las­tung lässt sich aber keine Pla­nungs­größe ableit­en, so­dass es notwendig ist, den Zusam­men­hang zwischen der sub­jek­tiv emp­fun­de­nen Lärm­be­las­tung und physikalischen Mess­größen herzustellen.“ Ein weit­eres Dilem­ma selbst für wil­lige Plan­er: Die Sich­tung der zahl­reichen Pub­lika­tio­nen zeigt fern­er, dass auch in der Wis­sen­schaft bei der Er­forschung von Lärm und psychischen Be­las­tun­gen noch ein „er­he­blich­er Nach­holbe­dar­f“ beste­ht. Die An­zahl dies­er Ar­beit­en sei eher ger­ing, stellen die Forsch­er des Fraun­hofer-In­sti­tuts für Bau­physik IBP fest. Ein zusät­zlich­es Problem se­hen die Forsch­er in na­hezu allen Ar­beit­en darin, dass bei den Lär­mun­ter­suchun­gen stu­den­tische Proban­den einge­set­zt wur­den. Doch die stellen hin­sichtlich Al­ter und kog­ni­tiv­er Fähigkeit­en nicht den Durch­sch­nitt der Bevölkerung dar. Wer als Un­terneh­mer derzeit ein Großraum­büro plant, sollte zu­min­d­est den Plan­er bit­ten, die Geräuschen­twick­lung zusät­zlich auch un­ter den be­nan­n­ten Kri­te­rien zu be­tracht­en und bei der Lär­mdäm­mung eine Schippe draufzule­gen. Denn Ar­beitsmedizin­er Dr. Pan­ter rät nicht um­sonst: „Ar­beit­ge­ber, die in gute schalldäm­mende Maß­nah­men in­vestieren, er­hal­ten oder er­höhen die Konzen­tra­tion und damit die Ar­beit­sleis­tung ihr­er Mi­tar­beit­er.“

Dr. med. Wolfgang Panter, Präsident des Verbandes Deutscher Betriebs- und Werksärzte (VDBW) (Foto: VDBW)
Dr. med. Wolf­gang Pan­ter, Präsi­dent des Ver­ban­des Deutsch­er Be­triebs- und Werk­särzte (VDBW) (Fo­to: VDBW)

Dirk Heuer | re­dak­tion@­sued­west­falen-ma­n­ag­er.de

Ausgabe 03/2017