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Business

Der Werkstoff für die Ökobilanz

Kunststoffverarbeitung ist auch in Deutschland immer noch eine Wachstumsbranche. Dennoch sehen sich die Unternehmen einigen Hürden gegenüber, die es zu nehmen gilt.

Kun­st­stoffe sind aus unser­er Welt kaum noch wegzu­denken. Ob als Ver­pack­ung bei Lebens­mit­teln, im Au­to, Flugzeug oder Zug, in der Freizeit, beim Sport – über­all bauen Her­steller auf Pro­dukte aus PVC, Po­lyethylen oder Polyamid. Ent­sprechend groß ist der Wirtschaft­szweig der Kun­st­stoff ve­rar­bei­t­en­den In­dus­trie. Nach An­gaben des Ge­samtver­ban­des Kun­st­stof­fverar­bei­t­ende In­dus­trie (GKV e.V.) als zen­trale Or­gan­i­sa­tion un­ab­hängiger Fachver­bände waren im Jahr 2015 rund 316.000 Beschäftigte in 2.853 Be­trieben angestellt, die ge­mein­sam ei­nen Jahre­sum­satz von fast 60 Mil­liar­den Eu­ro er­wirtschafteten – mit einem Plus von 1,3 Prozent ein neuer Reko­rd, nach­dem im Vor­jahr bere­its ein Al­lzei­thoch er­reicht wor­den war. Allerd­ings war der An­stieg vor allem der ho­hen Nach­frage aus dem Aus­land zuzuschreiben, die In­landsw­erte la­gen auf Vor­jahres­niveau. Die ve­rar­beit­ete Menge be­lief sich 2015 auf 13,6 Mil­lio­nen Ton­nen.

Ho­h­es Wach­s­tumspotenzial

Die Kun­st­stof­fverar­bei­tung gilt als rel­a­tiv junger In­dus­triezweig und ist im­mer noch eine Wach­s­tums­branche. Ent­ge­gen dem Trend im ve­rar­bei­t­en­den Gewerbe kon­n­ten zwischen 2000 und 2012 mehr Beschäftigte (+6,1 Prozent oder 17.500 Per­so­n­en) nachgewie­sen wer­den. Gleichzeitig stieg das Qual­i­fika­tion­s­niveau an: Der An­teil An- und Un­gel­ern­ter ging zurück, Fachkräfte mit Beruf­saus­bil­dung und akademisch­er Aus­bil­dung wur­den mehr. Laut ein­er Branche­n­a­nal­yse der In­dus­triegew­erkschaft Berg­bau, Chemie, En­ergie (IG BCE) aus dem Jahr 2014 ist eine un­ter­schiedliche kon­junk­turelle und struk­turelle En­twick­lung in­n­er­halb der Branche auch auf ihre zahl­reichen Sparten zurück­zuführen. Die Mehrzahl der hergestell­ten Pro­dukte werde von Ab­neh­mern aus dem Nahrungs­mit­tel­gewerbe, dem Baugewerbe sowie der Au­to­mo­bilin­dus­trie einge­set­zt. Die Sub­sti­tu­tion von tra­di­tionellen Ma­te­rialien wie Holz, Me­t­all oder Glas durch Kun­st­stoff sei z.B. im let­zteren Bereich – im Zuge von Elek­tro­mo­bil­ität und Leicht­bau – noch lange nicht abgeschlossen. Aber auch in dies­er Branche zei­gen globale Trends wie de­mo­gra­fisch­er Wan­del, Res­sour­cenk­nap­pheit, Kli­mawan­del und Dig­i­tal­isierung Wirkung. Zu­dem bek­lage die Branche die „Sand­wich­po­si­tion“: Die große Markt­macht von Lie­fer­an­ten und Ab­neh­mern sorgt für ei­nen starken Kosten- und Preis­druck. Die auf der Roh­stoff­seite stei­gen­den Kosten kön­nen dem­nach nicht ohne Weit­eres als höhere Preise bei den erzeugten Gütern weit­ergegeben wer­den. Die Glob­al­isierung tut ihr Übriges dazu: Ka­paz­itäten in frem­den Län­dern, insbe­son­dere auf dem asi­atischen Konti­nent, wer­den aufge­baut und glob­al pro­duzierende Konz­erne er­warten von ihren Zulief­er­ern häu­fig eine Pro­duk­tion vor Ort. Mit Span­nung wird im Ok­to­ber die „K 2016“ er­wartet, die Messe der Kun­st­stoff ve­rar­bei­t­en­den In­dus­trie in Düs­sel­dorf. Dort wird mit neuen tech­nol­o­gischen Im­pulsen gerech­net, die die ge­samte Branche weit­er nach vorne brin­gen sollen. Dig­i­tale Tech­nolo­gien wer­den die Au­to­ma­tisierung weit­er vo­ran­treiben und für höhere Trans­parenz und Flex­i­bil­ität in den Pro­duk­tion­sprozessen sor­gen.

Zen­traler As­pekt: Umwelt

GKV-Präsident Dirk E. O. Westerheide
GKV-Präsi­dent Dirk E. O. West­er­heide

Aus ökol­o­gisch­er Sicht ste­hen die Kun­st­stof­fverar­beit­er gleich mehr­fach im Fokus. Ein­er­seits ist es ihr Werk­stoff, der beispiel­sweise in der Au­to­mo­bil- und Flugzeug­branche für ef­fizien­tere, weil leichtere Bauweise sorgt. In der Ver­pack­ungsin­dus­trie wird im­mer weniger Kun­st­stoff benötigt, nach An­gaben des GKV ging der Kun­st­stoffbe­darf bei Ver­pack­un­gen in­n­er­halb der let­zten zehn Jahre um 28 Prozent zurück. An­der­er­seits wird Kun­st­stoff als Ab­fall- und Wied­erver­w­er­tungspro­dukt äußerst kri­tisch be­trachtet und be­w­ertet. Da­her liegt ein Sch­w­er­punkt der Branche auch da­rauf, schon in der Pro­duk­tion res­sour­cen­s­cho­nend und ab­fal­lvermei­dend zu ar­beit­en und auch nach Ablauf der Lebens­dauer auf ef­fek­tives Re­cy­cling bzw. sin­n­volle Ver­w­er­tung der Rest­stoffe hinzuwirken. Hi­er wird in „werk­stof­flich­es Re­cy­cling“, „roh­stof­fliche Ver­w­er­tung“ und „en­er­getische Ver­w­er­tung“ un­terteilt. Beim Re­cy­cling wer­den Kun­st­stoffe mech­anisch auf­bereit­et, meist geschred­dert, gereinigt und sorten­rein ge­tren­nt. Das Gran­u­lat kann als Roh­stoff wied­erver­wen­det wer­den und erset­zt damit teil­weise neu pro­duzierte Gran­u­late. Ver­mischte oder ver­sch­mutzte Rest­stoffe wer­den in der roh­stof­flichen Ver­w­er­tung meist er­hitzt, wo­durch Monomere, Öle und Gase ent­ste­hen, die vielfältig weit­er genutzt wer­den kön­nen. Eine Al­ter­na­tive dazu ist die en­er­getische Ver­w­er­tung, bei der durch Ver­bren­nung freige­set­zte En­ergie zur Her­stel­lung von Strom, Dampf oder Prozess­wärme genutzt wird. Den­noch lan­den Pro­dukte der Kun­st­stof­fverar­beit­er im­mer wied­er im Meer und in der Land­schaft. Das ver­schafft dem Kun­st­stoff ein neg­a­tives Im­age. Das aber sei weniger der In­dus­trie oder gar dem Pro­dukt selbst zuzuschreiben, son­dern vielmehr den Men­schen, die acht­los damit umge­hen, statt es ihr­er­seits den Wert­stof­fkreis­läufen zuzuführen, wie Uwe Scheller­er 2014 im Vor­wort der IG­BCE-Branche­n­a­nal­yse an­merkte. Neben dem Im­age machen den Kun­st­stof­fverar­beit­ern poli­tische Rah­menbe­din­gun­gen wie die En­ergiewende oder die EEG-Um­lage das Leben sch­w­er. Auch das führt spür­bar zu einem sch­leichen­den Ab­wan­derungsprozess der Kun­st­stoff­pro­duk­tion in Sch­wel­len­län­der nach Os­teu­ro­pa oder Chi­na – was zu weit­eren Er­sch­w­er­nis­sen hin­sichtlich der Kosten und Roh­stof­fver­füg­barkeit­en führt.

GKV fordert vernünftige Pol­i­tik

„An­gesichts der im­mer stärk­eren Ver­flech­tung der Weltwirtschaft hängt ein er­he­blich­er Teil unser­er Wirtschaft­sen­twick­lung von der En­twick­lung in der übri­gen Welt ab“, hatte GKV-Präsi­dent Dirk E. O. West­er­heide zu Jahres­be­ginn ge­sagt. „Aus­ge­hend von einem für viele Be­triebe er­fol­greichen Jahr 2015 über­wiegt auch im Stim­mungs­bild zu Be­ginn des Jahres 2016 die Zu­ver­sicht. 57 Prozent der vom GKV zu Be­ginn die­s­es Jahres be­fragten Branche­nun­terneh­men rech­nen auch für das laufende Jahr mit weit­er stei­gen­den Um­sätzen. Lediglich ne­un Prozent rech­nen mit Um­satzrück­gän­gen.“ Der wirtschaftliche Er­folg Deutsch­lands in den ver­gan­ge­nen Jahren dürfe aber nicht zu dem Glauben ver­führen, zusät­zliche Be­las­tun­gen der In­dus­trie durch die En­ergie­pol­i­tik, die Sozialpol­i­tik und den Auf­bau zusät­zlich­er Bürokratie kön­n­ten der Wett­be­werbs­fähigkeit der deutschen Wirtschaft nichts an­hab­en. „Die heute hi­erzu­lande pos­i­tive Grund­s­tim­mung kann als Grund­lage für weit­eres Wach­s­tum und für die Schaf­fung von Ar­beit­s­plätzen genutzt wer­den, wenn die Pol­i­tik endlich auch in Rich­tung der Wirtschaft wied­er ein ‚fre­undlich­es Gesicht‘ zeigt und die an­ste­hen­den Probleme in vernünftiger Weise löst.“

Ste­fan Mülders | re­dak­tion@­sued­west­falen-ma­n­ag­er.de

Ausgabe 08/2016