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Business

Aus vielen Güssen

Gießereien haben Tradition – zum alten Eisen zählen sie damit aber noch lange nicht. Vielmehr setzt die Branche auf zahlreiche kleine Innovationen.

Bild oben: Mit Gießverfahren lassen sich komplexe Formen herstellen.
Die Band­breite der Ein­satzge­bi­ete für Gusskom­po­nen­ten ist enorm. Sie reicht von fili­gra­nen medizinischen In­stru­men­ten und kün­stlichen Ge­lenken im men­sch­lichen Kör­p­er bis hin zu ton­nen­sch­w­eren Bauteilen in Wind­kraf­tan­la­gen. „Die En­ergiewende wäre ohne Gusstech­nik über­haupt nicht möglich“, sagt Heiko Lick­fett, der beim Branchen­ver­band BDG mit Sitz in Düs­sel­dorf zuständig ist für die Bereiche Mark­t­a­nal­y­sen und Volk­swirtschaft. In Eu­ro­pa ist Deutsch­land die Num­mer eins: In keinem an­deren Land wer­den mehr Gusserzeug­nisse pro­duziert als hi­er. Weltweit rangiert Deutsch­land auf dem fünften Platz (Stand 2014), knapp hin­ter Ja­pan. Die er­sten drei Plätze bele­gen Chi­na, die USA und In­di­en. Die Branche beschäftigt hi­erzu­lande in rund 600 Eisen-, Stahl- und Nichteisen-Me­t­all­gießereien unge­fähr 80.000 Mi­tar­beit­er. Börsen­notierte Konz­erne sind ge­nau­so vertreten wie klein­ste Be­triebe. „Die Gießerei-In­dus­trie ist über­wie­gend mit­tel­ständisch struk­turi­ert“, be­tont Lick­fett. Rund 95 Prozent der Un­terneh­men beschäfti­gen bis zu 500 Mi­tar­beit­er. Größere Be­triebe machen fol­glich nur fünf Prozent der Ge­samt­branche aus. Der größte An­teil der deutschen Gusspro­duk­tion ent­fällt auf Nor­drhein-West­falen: Mehr als 25 Prozent sind an Rhein und Ruhr ver­sam­melt. Be­son­ders stark sind außer­dem Hes­sen und Ba­den-Würt­tem­berg.

Top-Kun­den: Fahrzeug- und Maschi­nen­bau

Mit Gießverfahren lassen sich komplexe Formen herstellen.
Mit Gießver­fahren lassen sich kom­plexe For­men her­stellen.

„Mit einem An­teil von nicht ganz einem Prozent an der Pro­duk­tion des Pro­duzieren­den Gewerbes zählen die Gießereien zu den kleineren deutschen In­dus­triezwei­gen“, so der BDG-Vertreter. Die wirtschaftliche Be­deu­tung der Branche ist auf­grund ihr­er Zulie­fer­funk­tion je­doch wei­taus größer. So gibt es in­n­er­halb des auf In­vesti­tions­güter spezial­isierten Pro­duzieren­den Gewerbes kaum eine Branche, die nicht ge­gossene Kom­po­nen­ten ver­wen­det. Ob Fahrzeug- oder Maschi­nen­bau, die bei­den Top-Kun­den der Gießereien, ob Luft­fahrtin­dus­trie, Elek­trotech­nik oder En­ergi­etech­nik – wenn auch nicht alles aus einem Guss ist, so doch vie­les aus vielen Güssen. „Ger­ade im Maschi­nen­bau sind Gusskom­po­nen­ten prä­gende El­e­mente der Ge­samtkon­struk­tion.“ Die Ko­op­er­a­tion zwischen Gießern und Maschi­nen­bauern ist ent­sprechend eng und un­ter an­derem geprägt durch CAD-Daten­ver­bund und Si­m­u­la­tion­stech­niken zur Gussteilop­ti­mierung. „Damit trägt die Gießerei-In­dus­trie den gestie­ge­nen An­forderun­gen an In­no­va­tions­fähigkeit und Hochtech­nolo­gieein­satz des Maschi­nen­baus Rech­nung“, so Lick­fett.
Zu den be­son­ders guss­in­ten­siv­en Pro­duk­ten zählen beispiel­sweise Tex­til­maschi­nen, In­dus­triear­ma­turen, Druck­erei­maschi­nen, Landtech­nik und – last but not least – Gießerei­maschi­nen selbst. Die Palette der einge­set­zten Werk­stoffe reicht von A wie Alu­mini­um bis Z wie Zink. In­n­er­halb der ver­schie­de­nen Möglichkeit­en zu Gießen (Sand­guss, Druck­guss, Kokil­len­guss, Sch­leud­er­guss etc.) do­minieren zwei Ver­fahren: der Sand­guss, bei dem so­ge­nan­nte ver­lorene For­men zum Ein­satz kom­men, und der Druck­guss, der sich durch me­t­al­lische Dauer­for­men auszeich­net. Vielfältig sind auch die möglichen Wege in die Branche. Tech­nische Mod­ell­bauer ge­hören ge­nau­so dazu wie Glock­engießer, deren Beruf eine sehr lange Tra­di­tion hat. Der „Klas­sik­er“ ist die Aus­bil­dung Gießereimechanik­er/-in. Mehrere Hoch­schulen bi­eten ein ent­sprechen­des Studi­um an, darun­ter die RWTH Aachen, die FH Düs­sel­dorf und die
Uni­ver­sität Duis­burg-Es­sen.

Problem der EEG-Um­lage


Wo ge­ht die Reise hin? „In den ver­gan­ge­nen Jahren hat sich der Trend bei den End­pro­dukt-Her­stellern ver­stärkt, die ei­gene Fer­ti­gungstiefe zu re­duzieren“, so Lick­fett. „Beschränkte sich früher der Lie­fer­um­fang der Gießereien auf die geputzten, al­so von An­gussteilen und Form­san­dresten be­freit­en Gussstücke, so kon­nte jet­zt die ei­gene Fer­ti­gungstiefe er­weit­ert wer­den.“ Das Vorge­hen, fertig bear­beit­ete Teile anzu­bi­eten oder kom­plett ein­baufertige Bau­grup­pen zu lie­fern, setze sich im­mer mehr durch. „Das Selb­stver­ständ­nis der deutschen Gießereien bein­hal­tet zu­dem, sich durch ei­gen­ständige En­twick­lungsar­beit als Problem­lös­er für die End­pro­duk­ther­steller anzu­bi­eten. Im Ide­al­fall ent­ste­ht so nicht nur eine Pro­duk­tions-, son­dern auch eine En­twick­lungs- und Se­rien­part­n­er­schaft zwischen Zulief­er­er und Ab­neh­mer.“Drei Buch­staben machen der Gießerei-In­dus­trie derzeit zu schaf­fen: EEG. Ge­nauer ge­sagt ist es die mit die­sem Erneuer­bare-En­ergien-Ge­setz ver­bun­dene Um­lage, die en­ergiein­ten­sive Branchen in be­son­der­er Weise be­t­rifft. „Das Problem ist, dass unsere Un­terneh­men kein­er­lei Al­ter­na­tive haben. Denn man braucht ein­fach ei­nen bes­timmten En­ergieein­satz, um Me­t­all flüs­sig zu machen“, sagt Heiko Lick­fett. „Das ist Physik, daran kön­nen Sie nichts än­dern.“ Die mit­tel­ständisch geprägten In­dus­trie­ver­bände, zu de­nen auch der Bun­desver­band der Deutschen Gießerei-In­dus­trie, kurz BDG, ge­hört, fordern deswe­gen ein neues Fi­nanzierungskonzept für die Förderung Erneuer­bar­er En­ergien: „Sie soll künftig nicht mehr auf den Strom­preis aufgesch­la­gen, son­dern aus Haushalts­mit­teln fi­nanziert wer­den.“Keine Angst zeigt die Branche vor dem Trendthe­ma 3-D-Druck als mögliche Konkur­renz. Im Ge­gen­teil, er gilt so­gar als der neueste Trend in­n­er­halb des ei­ge­nen Kom­pe­tenzbereichs: „Diese Tech­nik fin­d­et in Gießereien bere­its auf ver­schie­de­nen Ebe­nen stat­t“, weiß Heiko Lick­fett. „Zum Beispiel im Bereich des Werkzeug­baus.“ Aber es gebe Grenzen, die von den Werk­stof­fen ge­set­zt wür­den. „Stand heute ist, dass man dafür aussch­ließlich mit Alu­mini­um, Ti­tan und Stahl ar­beit­en kann. Für die großen Men­gen ist der 3-D-Druck in Me­t­all kein The­ma.“ An­ders ausge­drückt: Der ge­druckte Mo­tor­block ge­hört ins Reich der Sci­ence-Fic­tion. Doch der Ver­bandsvertreter ver­sch­weigt die bere­its beste­hen­den Möglichkeit­en keineswegs. „Ich kenne den Fall aus der Luft­fahrtin­dus­trie, wo Treib­stoffdüsen auf diese Weise hergestellt wer­den. Sie ver­fü­gen über eine ganz be­son­dere in­nere Struk­tur, die mit keinem an­deren Ver­fahren re­al­isier­bar wäre.“ In die­sem speziellen Fall lohne sich das teure Druck­en, denn die neuarti­gen Düsen sparen später Kerosin. „Hi­er wurde der Guss nicht erset­zt. Es han­delt sich vielmehr um eine kom­plette Neukon­struk­tion auf Ba­sis der Druck­tech­nik.“ An­son­sten aber er­mögliche Gießen eine große Flex­i­bil­ität und Kom­plex­ität, et­wa im Ver­gleich zu den Möglichkeit­en des Sch­mie­dens. „Wir kön­nen uns auch weit­er­hin mit an­deren Fer­ti­gungsver­fahren messen“, so Lick­fett. Daniel Boss | re­dak­tion@­sued­west­falen-ma­n­ag­er.de

Ausgabe 06/2016