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„Ach, dafür nimmst du Geld …?“

Julia Dombrowski ist beeindruckt davon, mit welch ungenierter Nicht-Beeindruckbarkeit viele durchs Leben gehen.

Das ken­nen Sie doch auch: Men­schen, die vor ab­s­trak­ten Gemäl­den ste­hen und voller Überzeu­gung sa­gen: „So ein paar Kleckse, die hätte ich aber selbst gekon­nt!“ Wenn eine öf­fentliche In­sti­tu­tion oder eine Stadt ein neues Lo­go bekommt, dauert es auch nie­mals lange bis zu den völ­lig fach­frem­den Stim­men, die sa­gen: Ein paar Striche, ein paar Krin­gel, das hät­ten die mal mich machen lassen sollen! Es muss sich schön an­fühlen, mit so viel Selb­stüber­schätzung durchs Leben zu ge­hen: „Wenn ich das kön­nte, was du kannst, wäre ich bes­timmt bess­er als du!“ Ist gar nicht so sel­ten, diese Ein­schätzung. Zu­min­d­est ken­nt ver­gleich­bare Reak­tio­nen ganz sich­er jede Per­son, die mal ein Buch veröf­fentlicht hat – „Ach, wenn ich bloß auch ein­mal aus­reichend Zeit hätte, dann würde ich ja auch ein Buch schreiben!“ Ja, ja. Klar. „Wäre ich Fo­to­grafin, wäre ich bes­timmt nicht so klein­lich wie du.“ Men­schen, die pro­fes­sionell fo­to­gra­fieren, bekom­men so et­was wirk­lich dann und wann zu hören – im­mer gar­niert mit dem mal mehr, mal weniger ver­steck­ten Hin­weis, dass sie ja ei­gentlich sowie­so nur ein Gerät auf Mo­tive hal­ten und die Kam­era die ei­gentliche Ar­beit erledi­gen würde. Ent­sprechend freuen sich Fo­to­grafin­nen und Fo­to­grafen im­mer darüber, bei Ein­la­dun­gen von Fre­un­den di­rekt die fröh­liche Auf­forderung zu hören, sie sollen doch bitte ihre Aus­rüs­tung mit­brin­gen und „ein paar schöne Sch­napp­schüsse“ machen. Wer kann bei so viel Wertschätzung schon wider­ste­hen?
„Wäre ich Übersetz­erin, würde ich nicht so viel Geld neh­men wie ihr!“ Eine be­fre­un­dete Übersetz­erin erzählte von ein­er An­frage, ein um­fan­greich­es Manuskript aus dem Deutschen ins Franzö­sische zu über­tra­gen. Als sie da­rauf hin­wies, wie hoch der Preis für den Um­fang sein würde, kon­nte der An­fra­gende das gar nicht fassen: „Warum kostet das denn so viel? Haben Sie denn kei­nen Com­put­er?“ Es stellte sich her­aus, dass er wirk­lich der Überzeu­gung war, dass man oben in den „Überset­zungs­com­put­er“ den Ur­sprung­s­text steckt, damit ir­gend­wo un­ten eine Überset­zung her­auskommt – so ähn­lich wie beim Reiß­wolf, nur ohne Schred­dern, dafür mit krea­tiv­er Leis­tung.

„Hätte ich die Zeit, meine Fremd­sprachenken­nt­nisse aufzupolieren, würde ich auch dol­metschen.“ Eine Si­mul­tan­dol­metscherin berichtete, dass sie im An­sch­luss an ei­nen ihr­er hoch konzen­tri­erten Aufträge, bei dem sie die Meis­ter­leis­tung voll­bringt, gleichzeitig zu sprechen und zuzuhören, eine selt­same Frage gestellt bekam: „Und was ge­nau ist Ihr Beruf?“ So beein­druck­end die Kun­st­fertigkeit des Si­mul­tan­dol­metschens auf die ei­nen wirkt, so wenig wirkt sie auf an­dere. „Ach, En­glisch hatte ich ja auch in der Schule, wahrschein­lich kön­nte ich das auch.“ Nein, kön­n­test du nicht! Es sind übri­gens nicht unbe­d­ingt un­fre­undliche Men­schen, die mit solchen Fra­gen ir­ri­tieren. Die Ar­glosigkeit ihr­er bestürzen­den Ein­schätzung ist oft genug vol­lkom­men aufrichtig und kei­nes­falls ge­spielt. Eine mir bekan­nte freie Jour­nal­istin, die seit Jahren vor allem zum The­ma Le­se­förderung publ­iziert und sich darin ei­nen Ruf als Ex­pertin erar­beit­et hat, hielt ein­mal ei­nen Vor­trag an ein­er Schule. Da­nach wurde sie her­zlich von ein­er der an­we­sen­den Müt­ter für ihr „ehre­namtlich­es En­gage­men­t“ gelobt. Nein, das sei ein Missver­ständ­nis, ent­geg­nete die Fach­frau, in­n­er­halb ihres Fachge­bi­ets nehme sie für Vorträge durchaus Hon­o­rare. Die denk­würdige, aber auch er­schüt­ternde Reak­tion: „Oh, ver­di­ent denn Ihr Mann so wenig?“ Die Deutschen ver­wan­deln sich nicht nur bei Fußball-WMs in 80 Mil­lio­nen Train­er, die es alle­samt bess­er machen wür­den als der, der die Auf­gabe of­fiziell über­nom­men hat. Mit Aus­nahme von höch­stens Quan­ten­physik und Hirnchirurgie kön­nen viele von ih­nen im Zweifel ei­gentlich auch die an­deren Jobs, die im Leben an­fall­en.

Ju­lia Dom­brows­ki I re­dak­tion@­sued­west­falen-ma­n­ag­er.de

Ausgabe 02/2017